Nach der letzten Schulstreik-Demo der vergangenen Woche hatten es einige der engagiertesten Kinder sehr eilig nach Hause zu kommen. Sie wollten früh ins Bett, denn bereits um vier Uhr sollte die Nacht für sie zu Ende sein.
So donnerten sieben schwere Autos in den frühen Morgenstunden des darauffolgenden Tages über die Autobahn, dem etwa 150 Kilometer entfernten Flughafen entgegen. In den Fahrzeugen befanden sich zumeist ein Elternpaar und zwei bis drei Schüler sowie vereinzelnd ein Lehrkörper – je nach Kapazität des Wagens.
Einige Eltern ließen es sich nicht nehmen, ihr Kind persönlich zum Flughafen zu kutschieren, um es zum Abschied noch einmal in die Arme zu schließen, und in sieben Tagen werden sie wieder zum Empfang ihrer Kleinen bereitstehen, wenn diese aus Spanien zurückgekehrt ist.
Trotz der Flugerfahrung, die die meisten der Jugendlichen bereits hatten, war unter ihnen eine gewisse Aufregung zu spüren. So waren doch die meisten mindestens einmal mit ihren Eltern in den Urlaub geflogen oder sind im letzten Jahr bei der Frankreichtour dabei gewesen. Diese Schülerreisen sind notwendig, da diese erheblich dazu beitragen, die Fremdsprachenkenntnisse der Lernenden zu verbessern – erklärte ein Lehrer – ohne diese Erfahrung ist es ja quasi unmöglich, eine Sprache korrekt zu lernen. Man muss schon das jeweilige Flair des jeweiligen Landes einmal gespürt haben.
In der Wartehalle unterhielt sich die Gruppe begeistert über das bevorstehende Abenteuer und einige schmiedeten bereits Pläne für die nächste Streik-Demo, die sofort nach der Rückkehr starten sollte. Auch das Erlebte auf dem Streik vom Vortag wurde enthusiastisch diskutiert. Ist doch schön mit anzusehen, wie gewissenhaft die Kinder heutzutage sind und sich schon ganz wie die Erwachsenen verhalten. Durch Demos andere auf ein bekanntes Problem aufmerksam machen und sich selbst dann dafür wie verrückt feiern, um danach alles so weiterzumachen wie bisher.
Nächstes Jahr nach dem Abitur werden sich einige eine Auszeit gönnen und ein Jahr im Ausland – Neuseeland ist da ein beliebtes Ziel – verbringen. Diese Reisen sind für junge Menschen sehr wichtig, um für ihr zukünftiges Leben an der Discounterkasse gewappnet zu sein.
Mal sehen, was diese Generation in einigen Jahrzehnten auf die Beine gestellt hat. Vielleicht wird es ja genauso klasse wie das, was die 68er Flower-Power-Peace-Generation so geleistet hat. Denn ist es nicht diese, die in den letzten fünfzig Jahren die Welt auf diesen interessanten Kurs gebracht hat?
Geschrieben 2019
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Was verbindet diese vier Herren, die optisch und charakterlich kaum unterschiedlicher sein könnten?
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Eines Tages kamen Himmelsreisende mit einem Flugschiff nach Alphantis. Sie landeten außerhalb des Dorfes Xsaxus auf einem brachliegenden Acker und verließen ihr Raumfahrzeug, um sich sogleich alles genau anzuschauen. Die Außerphantisten bewegten sich hintereinander im Dauerlauf. Sie trugen einheitlich weiße kurze Hosen und blaue kurzärmlige Hemden mit Nummern auf dem Rücken. Sie grüßten freundlich die Menschen, denen sie begegneten und die Bewohner nickten mit einem Lächeln zurück. Schließlich lief den Fremden ein Mädchen über den Weg, und die Besucher hielten es an: »Guten Tag, mein liebes Kind.« »Einen schönen guten Tag, werte Gesellschaft, ich bin Ariana und wer seid Ihr?« »Wir sind DIE und neu hier in der Gegend. Wir kommen von sehr weit her und möchten gerne wissen, wo sich hier die Sportanlagen und die Stadien befinden.« »Sowas haben wir nicht«, antwortete Ariana. »Nein, wo haltet ihr denn eure sportlichen Wettkämpfe ab?« »Was sollen wir kämpfen?« »Na, euch untereinander messen in einem ehrlichen Wettkampf. Kennt ihr etwa nicht dieses Bedürfnis? Dieses steckt doch in jedem«, fragten DIE ganz verständnislos. »Och«, machte Ariana, schaute in den Himmel und kratzte sich am Kinn, »ich glaube, in uns steckt sowas nicht drin.« »Aber was macht ihr denn in eurer Freizeit? Was sind eure Hobbys?« »Freizeit? Hobbys?« »Ja, was macht euch Spaß, bereitet euch Vergnügen?« »Das Leben!«, entgegnete Ariana kurz. »Das Leben?« Diese Antwort versetzte DIE in Staunen, »nur das? Wir wollen und können das nicht so recht glauben! Du veralberst uns doch?!« »Veralbern? Wieso sollte ich albern sein?« »Es muss doch für euch mehr geben als das Leben, da gehört doch noch viel mehr zu?« »Mehr als das Leben?« »Gut, vielleicht haben wir uns da missverstanden, es ging ja um eure Freizeit im Leben, wie gestaltet ihr diese?« »Aber was ist Freizeit, das bedeutet doch letztendlich, dass es eine Zeit geben muss, die nicht frei ist. Aber bei uns ist Zeit nicht eingesperrt, sie ist Tag und Nacht frei.« »Dann wollen wir anders fragen, was macht ihr denn so den lieben langen Tag?« »Wir spielen, basteln, gehen ins Theater, malen … all so tolle Sachen halt.«
***
So richtig kamen DIE mit dem Mädchen nicht weiter und verabschiedeten sich von ihr. DIE machten sich weiter auf den Weg und sprachen mit den Leuten aus dem Dorf und versuchten, diese für Wettkämpfe zu begeistern. Einigen gefiel die Idee und es wurde im Gremium beschlossen, das Amphitheater für einen sportlichen Wettkampf herzurichten. Als die Tätigkeiten dafür begannen, versuchten DIE von den Bastelstätten Sponsorengelder zu bekommen. Dies müsse sein, um Werbebanner aufstellen zu können. Betonten DIE. »Von Werbung haben wir schon einmal gehört«, erinnerte sich Zoey, die rothaarige Dorfvorsitzende des Gremiums, »das ist doch etwas, das uns sagen soll, was wir kaufen sollen, da wir es brauchen. Ja, das taucht immer wieder bei uns im Theater auf. Es ist echt witzig. Gerade für uns, die doch alles haben.«
Nach drei Stunden gaben DIE es auf und mussten einsehen, dass sich hier kein Geschäft mit Werbung machen ließ. Dann blieben ja noch die Sportwetten … so dachten DIE. Doch auch diese Geldeinnahmequelle sollte nicht so recht sprudeln, da sich herausstellte, dass die Alphantianer nichts besaßen, was für DIE als Wetteinsatz interessant war. Denn weder von Geld noch von Gold war weit und breit etwas zu sehen. Nun gut, dachten DIE, Hauptsache gewinnen, das ist doch auch ein schöner Lohn.
***
DIE trafen sich in den einzelnen Orten auf dem Dorfplatz mit den ausgewählten Bewohnern, die an den Spielen teilnehmen wollten. Dort erklärten DIE, dass es acht Mannschaften geben wird, die gegeneinander spielen. Der Verlierer scheidet aus, bis am Ende zwei Mannschaften für das Endspiel übrig bleiben. Jede der Mannschaften bekommt einen DIE als Trainer. Diesem liegt viel daran, das seine Mannschaft gewinnt, denn das wäre ja letztendlich sein Verdienst und er würde den Profit einstreichen. Doch die Trainer erkannten schnell, dass es die Leute nicht so richtig ernst nahmen. Sie hatten kein richtiges Verständnis dafür, keinen Siegerwillen, sie alberten rum, es fehlte der nötige Ernst. DIE wollten schon aufgeben, allerdings kam das für DIE nicht in Frage. Aufgeben war gleichgesetzt mit einer Niederlage. Die Spiele mussten um jeden Preis stattfinden.
***
Dann war der große Tag da, das Turnier sollte beginnen. DIE waren sehr angespannt, denn jeder wollte natürlich, dass seine Mannschaft die Siegertrophäe nach Hause bringt. Das Theater war bis zum letzten Platz besetzt, es hatte sich rumgesprochen, dass eine neue Art von Theateraufführung stattfinden sollte. Kurz bevor die Eröffnung begann, tauchten aus jeder Mannschaft zwei Spieler bei DIE auf. Unter ihnen befand sich die Dorfvorsteherin von Xsaxus, die als erstes das Wort ergriff: »Wir müssen ehrlich zu euch sein, das Ganze ist ja recht spaßig, aber wir verstehen den Sinn mit dem Gewinnen immer noch nicht so ganz.« »Das ist doch nun wirklich nicht so schwer zu verstehen, ihr müsst euch nur nach dem galaktischen Motto richten: Gewinnen ist das Ziel, besser sein als die anderen! Verlieren ist was für Schwächlinge, nur der Gewinner zählt. Alle anderen sind nichts wert. Egal worum es geht, es geht im Leben immer um Gewinnen und Verlieren. Um Sieger und Besiegte. Alles andere hätte doch gar keinen Sinn. Das ist das Leben … es geht ums Gewinnen! Um die Macht des Stärkeren. Das ist im Handel, also der Wirtschaft und ganz besonders im Sport so. Gerade dieser vereint diese beiden Systeme.« »Das mag sein, dass das bei euch so ist, aber bei uns kennen wir das nicht. Wenn wir irgendwas machen, haben immer alle etwas davon, wir sind letztendlich alle Gewinner … so würdet ihr das dann wohl nennen, also in euren Augen«, sagte Silias, der auch in einer Mannschaft spielen wollte. »Darum haben wir etwas verändert«, begann Felina, »und zwar zum einen das Spielfeld. Doch kommt mit und seht es euch an.«
Auf dem Bühnenplatz des Amphitheaters staunten DIE über die zwei Tore, die von ihrer ehemaligen Größe so verkleinert wurden, dass gerade mal vier Bälle gleichzeitig nebeneinander hineinpassen würden. So gab es auch keine Torwarte mehr. In den ursprünglichen Toren konnten sieben Männer nebeneinander zwischen den Pfosten stehen, und wenn sie die Arme in die Luft gereckt hätten, würden sie die obere Torlatte mit den Fingerspitzen berühren. DIE schüttelten nur den Kopf. Was sollten sie auch tun? Sie beschlossen, sich an den Spielfeldrand auf den Bänken zu setzen, um zu sehen, was nun geschieht. Zu ihrem Erstaunen gab es anscheinend zwei Schiedsrichter, oder wie sie während des Spiels feststellten, Torzähler, denn zu schiedsen gab es nichts; keine Fouls. Es war regelrecht langweilig für DIE. Denn im Gegensatz zu den Dorfbewohnern, feuerten diese ihre Mannschaften von je neun Spielern und Spielerinnen energisch an. Dabei hatte eine Mannschaft, die Mannschaft, in der alle rote Haare hatten, den roten Ball, und die anderen mit den braunen und blonden Haaren bewegten einen braunen Ball. Auf diese Weise wussten die Zuschauer, welcher Ball zu welcher Mannschaft gehörte. Die Mannschaften nach der Haarfarbe zu sortieren, war der Vorschlag von DIE. Allerdings war das mit den zwei Bällen nicht vorgesehen.
Jedes Mal, wenn ein Ball durch eines der Tore rollte, brach die Menge in großen Jubel aus. Es gab eine etwa fünf Meter entfernte Linie, von der aus geschossen werden durfte. Erst wenn jeder Spieler einer Mannschaft mindestens einmal den Ball berührt hatte, durfte auf das Tor geschossen werden. Startpunkt war das gegenüber liegende Tor. Wurde vorbeigeschossen und der Ball landete hinter oder neben dem Tor, musste wieder neu gestartet werden. Das verursachte ein heilloses Durcheinander, da die Mannschaften um die gegnerischen Spieler herumspielen mussten. Der Ball vom Gegner durfte dabei nicht berührt werden. Es gab eine vorgegebene Spielzeit von zweimal zwanzig Minuten. Zudem mussten die Spieler immer in Bewegung bleiben; keiner durfte stehen. Der Gewinner war am Ende – und das zur Verblüffung von DIE – der Ball, der in dieser Zeit am häufigsten in seinem Tor gelandet war. Ein Ball gewinnt das Spiel? So etwas hatten DIE noch nie gehört. So etwas Verrücktes! Nein, das war zu viel für sie. Für die Leute von Alphantis war es die natürliche Schlussfolgerung, denn schließlich ist der Ball ins Tor gerollt und kein Mensch.
***
Jetzt verstanden DIE – beziehungsweise verstanden sie gerade nicht. Sie sahen lediglich klagend ein, dass es hier an diesem Ort, ja in ganz Alphantis keine Möglichkeit gab, ihren Ehrgeiz nach dem Sieg und dem dazugehörigen Profit zu stillen. Darum bestiegen sie eiligst ihr Flugschiff und kamen nie mehr zurück. Doch für die Alphantianer hatte sich ihr Kunstspektrum um eine neue Attraktion erweitert. Die Kunst gab ihnen die Möglichkeit, etwas zu spielen, bei dem etwas gewonnen werden konnte, ohne dass jemand verlor. Dies nannten sie Torball. Später kamen sie auf eine Variante, bei der nur die Hände benutzt werden durften. Der künstlerische Einfall der Alphantianer kannte keine Grenzen, und so folgten weitere Spiele wie Korbball, Schlägerball und Rollball, aber auch andere Kunstwettkämpfe wurden entwickelt. Da gab es den Wettlauf, bei dem der Zeitabstand zwischen den Zieleinläufen gewann, beim Hochsprung die Stange, wenn sie es schaffte, liegenzubleiben, und beim Weitwurf gewann das Differenzmaß.
Ende der zweiten Alphantis-Episode, in der DIE kamen, um Alphantis ein profitorientiertes Wettkampfsystem zu bringen.
Geschrieben 2026
Mehr zu Alphantis und der -tis Trilogie gibt es hier.
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Die Wartenden verstummten abrupt und ihre Köpfe drehten sich reflexartig zu der sich öffnenden Tür. Eine Frau betrat aufrechten Ganges den ganz in weiß gehaltenen Raum. »Hi Leute, ich bin die Stefanie!«
»Hallo Stefanie«, schallte es ihr in den verschiedensten Stimmlagen entgegen, während sie auf einen leeren Stuhl zuschritt und sich die Tür hinter ihrem Rücken von allein schloss.
Ein Mann bewegte sich hektisch im Raum umher und murmelte: »Diese Warterei macht mich noch ganz verrückt, ich will jetzt endlich zum Chef und hoffe so sehr, dass er mich für seine Abteilung nimmt. Auf keinen Fall will ich in die unterste Etage abgeschoben werden. Nein, nein, nein … das habe ich nicht verdient … wirklich nicht!«, schüttelte er den Kopf.
»Deine Sorgen möchte ich haben, bei deinem Lebenslauf brauchst du dir darüber überhaupt keine Gedanken zu machen. Wenn meiner nur halb so gut aussehen würde wie deiner, dann wäre ich froh. Mein Weg ist klar, für mich geht es abwärts«, entgegnete ein weiterer Mann, der mit gespreizten Beinen auf einem der weißen Stühle saß. Den Oberkörper hatte er leicht nach vorne gebeugt und mit der rechten Hand stützte er sich auf dem Knie ab.
»Ich habe gehört, dass der Chef sehr streng sein soll. Er stellt eine Menge Fragen und merkt sofort, wann man lügt«, wusste eine Frau zu berichten.
»Was sollen diese blöden Fragen eigentlich? Er weiß doch schon eh alles über uns«, kam es von einem anderen Stuhl.
»Er will halt einiges von dir selber hören, deine Ansichten oder wie deine Meinung zu diesem oder jenem Thema ist. Wenn man auf der Kippe steht, kann dieses Gespräch einen vor der ungeliebten unteren Abteilung retten.«
»Hoffentlich komme ich gut an …«, gab der unruhige Mann mit zitternden Lippen von sich.
»Mir ist es gleichgültig! Soll er mich nehmen oder es bleiben lassen. Ist mir doch scheißegal, als ob er jemals in meinem Leben für mich da war, jetzt brauche ich ihn auch nicht mehr«, war eine gegenteilige Meinung von einem Mann mit Namen Gregor, der seine Arme vor dem Oberkörper verschränkt hielt.
»Ich glaube, ich habe zwei triftige Argumente, dass er mich nimmt«, meinte Stefanie lächelnd und richtete ihre Brüste.
»Wenn du meinst! Du würdest doch alles tun, dass er dich nimmt, doch bei deinem Lebenslauf … viel Erfolg und was deine Argumente betrifft, damit stößt du bei ihm sowieso auf Granit«, erklärte der breitbeinig Sitzende.
Plötzlich öffnete sich ein Loch in der weißen Decke und ein seichter Wolkennebel verteilte sich im Raum, aus dem eine Stimme herniederhallte: »Gregor! Stelle dich in die Mitte des Raumes.« Keine Reaktion. »Gregor!« Zögerlich entfaltete der Gerufene seine überkreuzten Arme, erhob sich langsam und bewegte sich mit hängenden Schultern unter die Deckenöffnung. Die anderen wünschten ihm viel Glück und Gregor schwebte in die Höhe.
»Wollen mal hoffen, dass er den da oben mit seinen irdischen Taten überzeugen kann und er ihn trotz seiner Verfehlungen zu sich nimmt.«
»Tja, ansonsten geht es abwärts. Der da unten nimmt doch jeden mit Kusshand!«
»Da bin ich mir nicht mehr so sicher. Ich habe gehört, dass da bald wegen Überfüllung geschlossen wird.«
Geschrieben 2019
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Jahrhunderte hindurch hat der Mensch voller Begeisterung Bücher verschlungen, jetzt schlägt eines von ihnen zurück …
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Eines Tages kamen Himmelsreisende mit einem Flugschiff nach Alphantis. Sie landeten außerhalb des Dorfes Xsaxus auf einem brachliegenden Acker und verließen ihr Raumfahrzeug, um sich sogleich alles genau anzuschauen. Die Außerphantisten wanderten aufgeregt und gleichzeitig interessiert auf den Schotterstraßen durcheinander. Sie begutachteten die reetgedeckten, aus Baumstämmen gezimmerten schlichten Häuser, deren Fenster teilweise offenstanden und deren Türen keine Vorrichtungen boten, um abgeschlossen zu werden. Die Menschen, die sie unterwegs trafen, wurden freundlich gegrüßt und die Bewohner nickten mit einem Lächeln zurück. Einige von ihnen schöpften Wasser aus den Brunnen oder pflegten die Gemüsegärten, die sich in dem pflanzenreichen Ort verteilten. Die Gebäude und die Straßen fügten sich so in die farbenprächtige Natur ein, als seien diese ein Teil von ihr; aus ihr erwachsen. Schließlich lief den Fremden ein Mädchen über den Weg, und die Besucher sprachen es an: »Guten Tag, mein liebes Kind.« »Einen schönen guten Tag, werte Gesellschaft, ich bin Ariana und wer seid Ihr?« »Wir sind DIE und neu hier in der Gegend. Wir kommen von sehr weit her und wir möchten gerne wissen, wo man in diesem schönen Dorf etwas kaufen kann. Kannst du uns das verraten?« »Kaufen?«, schaute Ariana fragend. »Ja, kaufen, weißt du denn nicht, was kaufen ist?« Ariana schüttelte den Kopf und DIE fragten weiter: »Müsst ihr denn nie einkaufen? Etwas zu Essen, Kleidung, technische Geräte, die einem das Leben erleichtern und vereinfachen. Eben all die Dinge, die man so dringend benötigt. Kennst du das nicht aus der Werbung?« »Werbung? Was ist das? Und nein, hier bei uns kann man nichts einkaufen und erleichtern … wieso eigentlich erleichtern? Unser Leben ist doch nicht schwer.« »Du kennst keine Werbung? Aber ihr benötigt doch Werbung, die euch sagt, welche neuesten und vor allem lebensnotwendigen Errungenschaften ihr benötigt?«, fragten DIE skeptisch. »Och«, machte Ariana, schaute in den Himmel und kratzte sich am Kinn, »ich weiß auch nicht? Wir leben halt und es ist doch alles da, was wir brauchen, da müssen wir nichts kaufen, schon gar keine neuesten Errungenschaften … was auch immer das sein mag.« »Wie, es ist alles da, was ihr braucht?«, zweifelten DIE, »du veralberst uns doch?!« »Veralbern? Wieso sollte ich albern sein?« »Es ist nicht zu fassen!«, staunten DIE. »Also gibt es wirklich keine Supermärkte, keine Technikgeschäfte, keine Boutiquen. Aber wir haben doch so schöne Sachen mitgebracht, die wir gerne euren Händlern zum Weiterverkauf anbieten möchten.« »Händler? Seid ihr Händler?« »Ja, ganz recht. Großhändler!«, erklärten DIE und nahmen eine aufrechtere Haltung an. »Und ihr als Großhändler braucht also Kleinhändler, denen ihr was verkaufen könnt?« »So sieht es aus. Aber sag uns doch einmal, Ariana, wenn ihr weder einen Laden noch einen Markt habt, wo bekommt ihr denn zum Beispiel euer Essen her?« »Das Essen kommt zum Teil vom Spielplatz, den Gemüsebeeten hier im Ort oder aus dem Wasser und dem Wald.« »Vom Spielplatz?!«, riefen DIE verblüfft. »Sicher, woher denn sonst? Wollt ihr ihn vielleicht mal sehen?«
***
Und ob sie wollten, ganz versessen waren DIE darauf, diese Stätte kennenzulernen und so führte Ariana die Großhändler über die Hauptstraße aus dem Dorfkern hinaus. Auf ihrem Fußmarsch begegneten ihnen vereinzelnd Pferdewagen, die mit Holzstämmen und Reet beladen waren. Andere wiederum hatten Lebensmittel wie Brot, Fleisch- und Käsewaren, sowie Obst bei sich. Die Pferde schritten gemütlich voran und wurden jeweils von einem Mann oder einer Frau begleitet, die das Tier an einer Leine führten. Einige Kinder liefen nebenher und winkten Ariana und ihrer Begleitung freudig zu.
Einige hundert Meter weiter kam die Gruppe an einem Platz vorbei, wo Hühner pickten und scharrten, Schafe und Ziegen grasten, Schweine sich tummelten und Kühe sich wiederkäuend die Sonne auf den Rücken scheinen ließen. Das Areal war umgeben von Ställen, in denen lächelnde Frauen und Männer mit ihren Kindern die Schafe scherten, die Kühe melkten, die Eier einsammelten und die Tierunterkünfte ausmisteten. Ein Fluss schlängelte sich von den Bergen kommend durch die Landschaft und zwei Wassermühlen verrichteten ihre Arbeit. Etwas abseits von den Tieren wurde vor einem Haus geschlachtet und in einem weiteren Gebäude befand sich die Bäckerei, die mit frischem Mehl aus den Mühlen versorgt wurde.
Nach ungefähr einem Kilometer kam Ariana mit ihrem Gefolge am Spielplatz an. Dieser bestand aus mehreren Feldern, auf denen die Einheimischen gut gelaunt alles Zeitgemäße ernteten und pflegten. Auf der Obstplantage entdeckte Ariana ihre Eltern mit ihrem Bruder Elias. Sie winkte ihrer Familie zu sich, um die Besucher vorzustellen. Das Mädchen erklärte, es seien Großhändler, die von sehr weit hergekommen waren und die tollsten Sachen dabeihaben würden: technische Geräte, die einem das Leben erleichtern, und nun seien sie auf der Suche nach Kleinhändlern, die ihnen alles abkaufen sollen, damit diese dann etwas haben, was sie wiederum weiterverkaufen können. Auf die Nachfrage hin, wo sie denn die Dinge her haben, die sie verkaufen wollten, erklärten DIE, dass sie die Ware direkt von den Herstellern und Erzeugern erworben haben oder von weiteren Zwischenhändlern.
Ebenso wenig wie Ariana zuvor verstanden auch ihre Eltern nicht, was die Fremden eigentlich genau vorhatten, beziehungsweise was sie mit dem Ganzen bezwecken wollten, und erklärten den Gästen erneut, dass doch von allem genug da sei und es überhaupt keinen Sinn mache, etwas zu kaufen, um es dann gleich wieder weiterzuverkaufen. Warum alles drei- bis viermal kaufen und verkaufen, es hin- und herschleppen, bis es endlich da ankommt, wo es gebraucht wird. »Aber wir sehen doch, dass euch hier so allerhand fehlt. So können wir beispielsweise nirgends Bananen- oder Ananasstauden entdecken. Doch gerade diese sind so wichtig und darum gibt es die Möglichkeit, diese von uns zu kaufen, da sie hier bei eurem Klima ja nicht wachsen.« »Ananas … Bananen, was ist das?«, fragte Felina. »Das ist tolles Obst, ihr könnt doch nicht nur von diesen paar Sorten leben«, DIE zeigten auf die Plantage, wo an die fünfzehn verschiedenen Obstsorten gezüchtet wurden, »wenn es doch noch so viel mehr Sorten gibt.« »Nur weil es diese vielleicht gibt, bedeutet das doch nicht zwangsweise, dass wir diese auch benötigen! Wenn wir Bananen und all die anderen Obstsorten bräuchten, würden sie hier doch wachsen. Da sie diese aber nicht tun, brauchen wir sie also auch nicht und somit müssen diese Dinge nicht wie wild durch die Gegend transportiert werden. Ach ja, und Geräte, die einem das Leben erleichtern … wozu? Gibt es denn ein leichteres Leben als das, welches wir hier führen? Und das, was wir an Geräten haben, ist ausreichend«, lächelte Felina schließlich und richtete nun ihr Augenmerk auf die Tochter, »was ist mit dir Ariana? Kommst du mit zum Spielen aufs Feld?« »Ich weiß nicht, ich denke, es ist notwendiger, diesen Leuten hier alles zu zeigen, damit sie unser Leben hier verstehen und erkennen, dass wir nichts kaufen oder verkaufen müssen, um zu leben.« »Das hört sich doch vernünftig an«, bestätigte Silias und fuhr sich mit den Händen durch die roten Haare. »Und ich werde dich dabei unterstützen«, beschloss Felina kurzentschlossen. »Aber heute Nachmittag kommt ihr beide doch mit ins Theater oder …?«, fragte Elias erwartungsvoll. »Na, klar! Das werden wir uns doch nicht entgehen lassen«, stimmte die Mutter mit leuchtenden Augen zu.
***
Ariana und ihre Mutter spazierten mit DIE an einem See vorbei, wo einige Menschen in Ruderboten saßen und Netze auswarfen. Ihre weitere Wanderung brachte die Gruppe zu einem Wald, in dem sie Holzfäller trafen, die dabei waren, Feuerholz zu hacken, welches von den Frauen und Kindern auf bereitstehende Fuhrwerke gestapelt wurde. Ein weiterer Trupp stellte Baumaterial her und verlud es ebenfalls auf die Wagen. Zwei Frauen, die jeweils einen Köcher mit Pfeilen und einen Bogen über den Rücken trugen, hatten ein Reh auf einer Trage liegen, das sie zum Schlachthaus bringen wollten.
Nach einer Weile hatten sie den Wald sowie eine Lichtung, die neu bepflanzt wurde, hinter sich gelassen und erreichten das Bastlerviertel. So wurde der Ortsteil genannt, in dem sich unter anderem die Gerberei, die Webstuben und Schneider, die Tischler und Schmiede mit dem Werkzeugmacher sowie die Töpferei befanden. Das Rohmaterial für die verschiedensten Güter stammte von den umliegenden Erzminen, den Tongruben und Wäldern sowie der Rinderfarm. Von diesem Bastelviertel aus konnten in einiger Entfernung bereits wieder die Wohnhäuser gesehen werden, da die Führung entlang der Hauptstraße verlief und diese einen Rundweg darstellte. An dieser Straße befand sich alles Lebensnotwendige. Die abgehenden Wege führten zu den Minen, den Tongruben und in die Wälder.
Die anwesenden Kinder versammelten sich neugierig um DIE und erzählten, dass sie hier zusammen mit ihren Eltern alle notwendigen Sachen basteln würden. Befremdlich wirkte auf DIE auch hier die Vorgehensweise, wie die Leute ihre Tätigkeiten ausübten. Es schien so, als passiere die eigentliche Arbeit nebenbei und alles, was mit Arbeit in dem Sinne der DIE zu tun hatte, wurde hier als Spielen oder Basteln bezeichnet. »Wie könnt ihr alle hier nur so ruhig arbeiten … also ich meinte basteln? Habt ihr denn keine Termine, um die Aufträge einzuhalten?«, fragten DIE. »Termine? Aufträge? Was bedeutet das?«, fragte Felina. Doch ohne die Antwort abzuwarten sagte sie: »Wir fertigen und pflanzen das an, was gerade benötigt wird. So einfach ist das.« »Ja, und wenn alle mit anpacken, wird nach ungefähr vier Stunden mit dem Spielen und Basteln aufgehört«, erklärte Ariana, »und jeder nimmt sich das, was er für sich und seine Familie braucht, mit nach Hause. So ist es in ganz Alphantis.« »Das hört sich alles so unglaublich an, Felina, doch erkläre uns bitte, wie wird das alles hier denn nun finanziert?« »Was meint ihr?« »Wer oder wie bezahlt ihr das alles?« »Das verstehe ich nicht, hier bei uns macht jeder das Notwendige und so muss keiner bezahlen … was auch immer das sein mag. Hier in Alphantis gibt es viele Lebenswirtschaftsräume wie den unsrigen, den wir Xsaxus nennen. Dabei besuchen wir uns untereinander und tauschen unser Wissen miteinander.« »So kennt ihr also gar nicht das schöne Gefühl, sich was leisten zu können. Die Befriedigung, wenn man sich etwas Tolles kaufen kann, etwas, was andere vielleicht nicht haben, nicht besitzen können, weil sie nicht hart genug arbeiten, um es sich leisten zu können. Je mehr man hat, umso schöner ist es doch und noch viel schöner, wenn es andere nicht vergönnt ist, es zu haben«, meinten DIE mit einem befriedigenden Gesichtsausdruck. »Wir wollen immer alles besitzen, alles haben. Am besten immer mehr, denn man braucht doch so vieles und vor allem mehr davon.« »Ihr habt vielleicht sonderbare Ideen«, entgegnete Felina, »oder was meinst du Ariana?« »So ganz kapier ich es auch nicht. Vielleicht kommt es daher, weil wir nicht arbeiten.« DIE klatschten in die Hände: »Ha, erwischt! Natürlich arbeitet ihr, wir haben es doch gesehen … okay, ihr nennt es Spielen, aber in Wirklichkeit ist es arbeiten. Ihr macht euch da etwas vor«, erwiderten DIE, als hätten sie Mutter und Tochter überführt. »Ganz gewiss nicht, denn wie kann jemand arbeiten, der nur erntet und vielleicht etwas einsät?«, fragte Felina. »Ja, Mutti, so ist es! Arbeiten tut doch die Saat die wir aufbringen, die arbeitet zusammen mit der Erde, der Sonne und dem Regen. Die Bäume arbeiten sich groß, das Schaf produziert Wolle, die Kühe Milch und die Hühner legen die Eier, die wir nur noch aufsammeln müssen. Die Arbeit macht doch das Huhn und die Pferde ziehen die beladenen Karren. Dies ist die eigentliche Arbeit, wozu auch die Wassermühlen gehören. Aber was wir hier machen, ist doch nicht die Arbeit.« »Ja, aber eure Häuser, die Kleidung, die ihr tragt, sind doch durch eure Arbeit produziert worden.« »Ihr meint durch unser Basteln?«, korrigierte Felina. »Von mir aus nenn es so.« »Es ist so, nicht nur so genannt. Denn die Grundstoffe sind ja alle da, wir fügen sie lediglich zusammen. Das kann man nun wirklich nicht als Arbeit bezeichnen.«
***
Jetzt sahen DIE es ein, dass sie bei diesen Menschen von Alphantis aus dem Ort Xsaxus nichts erreichen würden. Klagend erkannten sie, dass es hier in diesem Lebensraum, ja anscheinend in ganz Alphantis, keine Möglichkeit gab, ihre Waren zu veräußern. So haben DIE es nicht geschafft, dieses Land mit ihrer Wirtschaftsideologie zu erobern. Es hatte den Anschein, dass dieses Gedankengut unbeachtet an den Bewohnern von Alphantis abglitt. So bestiegen DIE ihr Raumfahrzeug und wurden nie wieder gesehen.
Einige Monate später tauchten neue Skulpturen und Bilder in Alphantis auf, die Händler darstellten. Es wurden Geschichten von Großhändlern und Händlern erzählt, welche rastlos umherliefen. Getrieben von Terminen. Es wurden Aufträge erteilt, die andere ausführen mussten. Güter wurden hin- und hergeschleppt. Diese neuen Geschichten erweiterten den Kunstbetrieb von Alphantis um weitere heitere Anekdoten aus dem Bereich des Absurden. Die Alphantianer spielten die Idee des Kaufens und Verkaufens kaputt, auf dass sie nicht entstehen konnte.
Ende der ersten Alphantis-Episode, in der DIE kamen, um Alphantis ein profitorientiertes Konsumsystem zu bringen.
Geschrieben 2026
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