Alphantis – Episode 4

Alphantis – Das Erstland, im Zeitalter der Kunst

Eines Tages kamen Himmelsreisende mit einem Flugschiff nach Alphantis. Sie landeten außerhalb des Dorfes Xsaxus auf einem brachliegenden Acker und stürmten aus ihrem Raumfahrzeug, um sich sogleich aufgeregt alles genau anzuschauen. Die Außerphantisten trugen weiße Overalls, die Gesichter waren hinter Masken und Schutzbrillen versteckt. Die Hände wurden in milchfarbenen Gummihandschuhen versteckt. Sie waren sehr darauf bedacht, einen großen Abstand zu den Menschen, denen sie begegneten, zu halten, auch wenn diese lächelnd die Hände hoben und ihnen zuwinkten. Schließlich lief den Fremden ein Mädchen über den Weg, und die Besucher hielten es aus sicherer Entfernung an: »Guten Tag, mein liebes Kind.«
»Einen schönen guten Tag, werte Gesellschaft, ich bin Ariana und wer seid ihr und wieso seid ihr so komisch angezogen?«
»Wir sind DIE und neu hier in der Gegend. Wir kommen von sehr weit her und unsere Kleidung dient uns zum Schutz. Wir sind gekommen, euch von schlimmen Krankheiten zu heilen und vor solchen zu bewahren. Aus diesem Grund möchten wir gerne eure Krankenhäuser aufsuchen.«
»Krankenhäuser … sowas haben wir nicht, was soll das sein?«
»Ein Krankenhaus ist ein Gebäude, wo Kranke gemacht werden,« DIE räusperten sich, »also Kranke gesund gemacht werden.«
»Dann ist jedes Haus hier ein Krankenhaus, denn wenn jemand krank ist, bleibt er zu Hause und wir alle versuchen zu helfen.«
»Habt ihr denn Ärzte?«
»Och«, machte Ariana, schaute in den Himmel und kratzte sich am Kinn, »ich weiß nicht? Also vielleicht sind ja meine Mutti und Zoey die Ärzte, denn die werden immer als erstes gefragt, was bei Kranken zu tun ist. Sie haben dann Kräuter, Salben und Tinkturen bei sich, die helfen. Ist es aber eine böse Krankheit, nehmen wir diese an und hören auf unseren Körper.«
»Also keine richtigen wissenschaftlichen gut ausgebildeten Ärzte? Wir wollen und können das nicht so recht glauben«, zweifelten DIE, »du veralberst uns doch?!«
»Veralbern? Wieso sollte ich albern sein?«
»Aber ihr braucht doch Ärzte, die euch die Medikamente und Spritzen für eine schnelle Genesung verabreichen. Auf dass ihr möglichst schnell wieder zur Arbeit könnt.«
Schon wieder dieses Wort »Arbeit«, dachte Ariana genervt.

***

Einmal mehr brachte Ariana DIE zu ihren Eltern. Zögerlich nahmen DIE ihre Masken und Brillen ab. DIE erklärten, dass sie als GGO, der Galaktischen-Gesundheits-Organisation, alle Länder nach Krankheiten, speziell nach Krankheitserreger untersuchen müssen. Um dies auch in Alphantis zu können, benötigten sie zuvor die Krankenversicherungsnummern der Bewohner, damit später alles korrekt abgerechnet werden kann.
»Jetzt auch noch eine Versicherung gegen Krankheiten? Nicht nur gegen Brand und Diebstahl?«, murmelte Silias. Das klang für ihn und Felina alles sehr merkwürdig. Sie schickten Ariana mit ihrem Bruder Elias los, um Zoey zu holen, als Dorfratsvorsitzende hatte sie vielleicht mehr Kenntnisse darüber, was das mit der GGO und der Versicherung gegen Krankheit auf sich hat.

Zoey war nicht minder erstaunt über das Anliegen der GGO und nachdem sie sich alles angehört hatte, was DIE zu sagen hatten, besprach Zoey sich im Gremium. Dieses stellte fest, dass in der letzten Zeit so einige merkwürdige DIE hier in Alphantis gelandet seien, doch diese DIE waren die bizarrsten, alleine durch ihre Kleidung und ihr Auftreten. Sie unterschieden sich bei weitem von den anderen und es wurde beschlossen, dass DIE von der GGO das machen sollten, was sie mussten, damit sie möglichst schnell wieder verschwinden würden.

***

So packten DIE mit voller Begeisterung eine Menge Gerätschaften aus und die Bewohner schauten sich alles genau an. Die Körper der Alphantianer wurden mit Lichtmaschinen durchleuchtet und Blut sowie Speichel und Ausscheidungsprodukte wurden zu Testzwecken abgenommen. Als die Untersuchungen vorüber waren, verkündeten DIE die Testergebnisse, die laut Verordnung der GGO fast alle positiv waren. Für die Alphantianer hörte sich das zunächst gut an und sie waren beruhigt. Doch dann erklärten DIE mit trauriger Mine, was das mit dem positiv auf sich hatte:
»Es tut uns sehr leid, aber das ganze Dorf hat diverse Krankheiten und Infektionen, viele Werte liegen über der Normskala.«
Die Dorfbewohner schauten sich an und waren entsetzt, dann lachten sie.
»Also positiv ist negativ …«, scherzte einer der Bewohner.
»Wenn ich krank bin, dann möchte ich nicht wissen, wie fit ich mich fühle, wenn ich gesund bin!«, fügte ein weiterer grinsend hinzu.
»Ja, und ich erst. Oh, jetzt, wo ich weiß, dass ich krank bin, fühle ich mich auch ganz mies«, rief eine Frau lachend.
»Das ist nicht zum Lachen«, ermahnten DIE und hoben ihre Hände, um sie im Takt ihrer Worte mitschwingen zu lassen. »Das ist ernst! Die Daten lügen nicht. Ihr seid alle krank und mit den verschiedensten Mikroorganismen infiziert. Ihr müsst euch eurem Schicksal ergeben. Denn ob jemand gesund ist, das können nur wir von der GGO, anhand der Tests sagen. Denn für eine Krankheit ist nicht das körperliche Befinden entscheidend, allein die Tests und Werte sind entscheidend. Wir sind per Gesetz verpflichtet, eure Krankheiten zu heilen, damit auch ihr als gesund eingestuft werden könnt. Darum haben wir spezielle Medikamente für jede Krankheit und Spritzen, die zur Vorbeugung genommen werden müssen. Auch Desinfektionsmittel werdet ihr von uns reichlich bekommen, womit ihr alles schön saubermachen müsst und vor allem eure Hände.«
»Aber was sind das für Medikamente und Spritzen? Haben diese Nebenwirkungen?«, wollte Zoey wissen und als Antwort kam ein zackiges »Nein!«
»Wirklich nicht?«, hakte Felina nach.
»Sowas gibt es nicht. Niemals! Darüber braucht nicht gesprochen zu werden, da es das nicht gibt und jeder, der sowas behauptet, ist verdächtigt. Alles ist auf dem neuesten Stand der Wissenschaft und mit Studien belegt. Da wird nichts dem Zufall überlassen.«
»Na dann ist ja gut!«, zwinkerte Zoey zu Felina rüber.
»Und dann sollen wir sicherlich für die tollen Medikamente, Spritzen und Desinfektionen mit Geld bezahlen«, fragte Silias mit einem verschmitzten Lächeln, da er langsam das ganze Spiel durchschaut hatte.
»Selbstverständlich!«

***

Die Alphantianer ließen sich von DIE nicht beeinflussen und lehnten die Medikamente nebst Spritzen samt Desinfektionsmitteln dankend ab.
»Das könnt ihr nicht machen! Dazu habt ihr kein Recht«, riefen DIE bestürzt.
»Nein, wir behandeln uns lieber selbst, so wie wir es seit Jahrhunderten handhaben«, erwiderte Zoey ruhig.
»Aber wie macht ihr das ohne Medikamente?«
»Das ist ganz einfach, zum ersten sorgen wir mit Sauberkeit und Ordnung dafür, dass wir nur selten krank werden. Hinzu kommt eine vielseitige maßhaltende saubere Ernährung. Wir sorgen dafür, dass sich das Schmutzwasser nicht mit dem reinen Wasser vermengt und haben außerhalb der Häuser Naturtoiletten. Wir haben Schwitzhütten, die wir regelmäßig nutzen und tragen immer jahreszeitgerechte Kleidung, bewegen uns viel an der frischen Luft und in den Räumen wird für einen guten Rauchabzug gesorgt. Wir geben dem Körper den Schlaf, den er benötigt. Und nun zurück zur Frage, wenn doch jemand krank wird. In so einem Fall kommt es darauf an, was demjenigen fehlt. Wir vertrauen auf unser körpereigenes Heilungssystem, beobachten uns, wie ein eventuelles krankmachendes Verhalten geändert werden kann und haben Kräuter, die dem Körper bei seiner Heilung unterstützen und der Rest ist warten.«
DIE schauten sich verwundert an und fragten:
»Und wenn jemand eine tödliche Krankheit hat, was macht ihr dann? Wo keine Selbstheilung mehr helfen wird? Dann sterben sicher viele. Was nicht nötig wäre, wenn man ausgebildete Ärzte hätte und Medikamente kaufen würde.«
»Mag sein, aber wir vertrauen auf den natürlichen Lebensweg, welcher immer in die vorgesehene Richtung führt. Sollte dann doch jemand sterben, so ist es des Weges Wille. Wir leben mit dem Tod von Beginn an. Der Tod wird nicht aus dem Leben verbannt, er ist Teil dessen. Sterben gehört zu uns und überhaupt zu allem. Ohne ihn wüssten wir nicht, dass wir leben und es würde nichts existieren, wenn es das Vergehen nicht gäbe. Auch wenn das so ist und wir es annehmen, so möchte selbstverständlich keiner von uns in jungen Jahren gehen, und zum Glück sind es auch nur sehr wenige, die vorzeitig an irgendwelchen Krankheiten sterben. Wenn uns ein geliebter Mensch verlassen muss, ist es meistens die Zeit, die ihn von uns nimmt. Manchmal kommt es leider auch vor, dass ein schwerer Unfall einen aus unserer Mitte reißt. Dagegen sind wir machtlos und können nichts entgegensetzen. Das wollen wir auch nicht, damit der natürliche Kreislauf von Entstehen und Vergehen nicht durcheinander gebracht wird. Wenn jemand stirbt, dann wird dieser, egal welchen Alters er ist, von seinen Nahestehenden begleitet. Sterben ist ein wichtiger Vorgang und darf nicht künstlich in die Länge gezogen werden. Der Tod ist dazu nötig, um Platz für die nächste Generation zu schaffen, sonst droht eine Überbevölkerung. Es gäbe nicht mehr genug zu essen und Wohnraum würde knapp werden. Wir müssten dann viel mehr Wälder roden für Äcker, Lebensraum und Bastelmaterial. Das würde alles aus dem Gleichgewicht bringen. Den Tieren würde ihr zustehender Lebensraum genommen und das darf nicht passieren. Wir entspringen aus der Natur und gehören dazu. Wir dürfen nicht gegen sie handeln, sondern nur mit ihr im Fluss leben. Wir nehmen unseren Bedarfsanteil, der uns zusteht; mehr nicht.«
DIE seufzten tief, es war ihnen nicht möglich, den Alphantianern die wirkliche Sachlage darzustellen. Denn aus der Sicht der DIE, beziehungsweise ihren Wissenschaftlern, ist der Mensch mehr als nur ein Teil der Natur. Er steht weit über ihr, sie ist für den Menschen gemacht und er besitzt das Recht, den Tod hinauszuzögern, wo immer er dieses vermeintlich tun kann. Er hat das Recht, sich alles aus der Natur zu nehmen, auch über seinen Bedarf hinaus, denn es ist sein gottgegebenes Eigentum.

***

Bei ihrer Reise trafen DIE immer wieder auf Unverständnis, doch am Ende schafften DIE es immer wieder zu überzeugen. Allerdings hier in Alphantis sah es anders aus, und DIE von der GGO verkündeten: »Eure Vorgehensweise und eure Einstellung werden wir an eine höhere Ebene weitergeben und diese wird das nicht akzeptieren. Denn das oberste Gebot heißt: Leben retten um jeden Preis, auch wenn an der Behandlung gestorben wird. Behandelt werden muss selbst beim kleinsten Schnupfen, da müssen Medikamente her, denn niemand kann sagen, wohin sich der Schnupfen entwickelt.«

Egal, wie DIE auch auf die Alphantianer einredeten, sie mussten am Ende des Tages klagend einsehen, dass es hier an diesem Ort, welcher den Namen Xsaxus trug, ja in ganz Alphantis keine Möglichkeit gab, die Menschen für die notwendigen Medikamente und Spritzen zu begeistern. Drum zogen sie niedergeschlagen ab. Für die Alphantianer lief ihr Leben in gewohnten Bahnen weiter und ihr künstlerisches Schaffen wurde um das Vorhaben der neuesten Besucher erweitert und auf der Bühne wurden neuerdings Kranke anhand von Testergebnissen erzeugt und mussten behandelt werden. Am Ende wird dann immer ein König oder eine Königin der Kranken gekrönt. Dies wird anhand des schlechtesten Testergebnisses ermittelt. Auch Skulpturen, die Maskenmenschen mit Spritzen in der Hand darstellten, verteilten sich im Dorf und der Umgebung.

Ende der vierten Alphantis-Episode, in der DIE kamen, um Alphantis ein profitorientiertes Medizinsystem zu bringen.

Geschrieben 2026

Mehr zu Alphantis und der -tis Trilogie gibt es hier.

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