Alphantis – Episode 3

Alphantis – Das Erstland, im Zeitalter der Kunst

Eines Tages kamen Himmelsreisende mit einem Flugschiff nach Alphantis. Sie landeten außerhalb des Dorfes Xsaxus auf einem brachliegenden Acker und verließen ihr Raumfahrzeug, um sich sogleich alles genau anzuschauen. Die Außerphantisten bewegten sich hintereinander im Gleichschritt. Sie trugen einheitliche schwarze Anzüge mit weißen Hemden und einer roten Krawatte. Auf den Nasen steckten schwarz gerahmte Brillen mit leicht getönten Gläsern. Schwarze Bürstenhaarschnitte zierten die Köpfe. Jeder von ihnen hielt eine schwarze Aktentasche in der rechten Hand. Sie grüßten freundlich die Menschen, denen sie begegneten, und die Bewohner nickten mit einem Lächeln zurück. Schließlich lief den Fremden ein Mädchen über den Weg, und die Besucher hielten es an: »Guten Tag, mein liebes Kind.«
»Einen schönen guten Tag, werte Gesellschaft, ich bin Ariana und wer seid Ihr?«
»Wir sind DIE und neu hier in der Gegend. Wir kommen von sehr weit her und wie wir sehen, habt ihr hier schöne Holzhäuser mit Reetdach.«
»Ja, die sind hübsch, nicht wahr!«, entgegnete Ariana stolz.
»Habt ihr denn auch gute Versicherungen, wenn es mal brennt?«
»Wenn Feuer ausbricht? Versicherungen? So etwas haben wir nicht«, antwortete Ariana, »wenn es mal wirklich brennt, dann helfen alle, die in der Nähe sind, beim Löschen mit und der Schaden wird anschließend behoben.«
»Aber wer zahlt den Schaden? Wer finanziert das?«
»Och«, machte Ariana, schaute in den Himmel und kratzte sich am Kinn, »ich weiß auch nicht?« Ariana erinnerte sich an die Händler, die auch irgendwas finanzieren wollten. »Wir brauchen nichts zu finanzieren, das geht alles so.«
»Wir wollen und können das nicht so recht glauben«, zweifelten DIE, »du veralberst uns doch?!«
»Veralbern? Wieso sollte ich albern sein?«
»Aber ihr braucht doch Versicherungen, um sorglos leben zu können. Sonst muss man doch ständig bangen, dass etwas Schlimmes passiert und man nicht dagegen versichert ist. Habt ihr denn wenigstens Geld?«
»Geld?! Kenne ich nicht. Aber ich werde euch zu meinen Eltern bringen, vielleicht haben die sowas.«

***

Auch Felina und Silias wussten nicht, wovon DIE sprachen, denn das mit dem Geld hatten sie schon bei den Händlern und den Wettkämpfern nicht verstanden.
»Also gibt es kein Geld hier bei euch. Aber was ist denn eure Währung?«
»Unsere Währung?«, entgegnete Silias und wiederholte nachdenklich: »Unsere Währung … ist das Machen. Ja, das könnte es sein … das Nötigste machen, unser Tun ist die Währung … die Zeit, die wir aufbringen.«
»Ja, ganz genau«, pflichtete Felina bei, »denn wenn jeder etwas macht in seiner Zeit, bekommt er immer etwas dafür zurück. Genau wie es mit eurem Geld ist. Jemand gibt Geld, bekommt etwas dafür, und wenn ich es richtig verstanden habe, hat derjenige das Geld zuvor von jemand anderem bekommen, der ebenfalls etwas verkauft oder für ihn angefertigt hat. So ist es bei uns auch, wir lassen halt nur dieses Geld weg.«
»Ihr lasst einfach das Geld weg und jeder bekommt trotzdem das, was er haben will?«
DIE konnten sich nicht vorstellen, wie das funktioniert und so wurde beschlossen, dass eine Hälfte von DIE mit Silias zum Spielplatz geht und die anderen mit Felina in das Bastelviertel. Vielleicht könnte sich vor Ort alles besser vermitteln lassen. So hofften DIE.

***

Am späten Nachmittag trafen sich alle wieder und erzählten von ihren Erlebnissen. DIE hatten von ihrem Ausflug säckeweise Sachen mitgebracht, mehr als sie benötigten.
»Wozu habt ihr so viel genommen?«, fragte Ariana.
»Wer weiß, wie die Zeiten werden. Es ist immer besser, alles zu nehmen, was man kriegen kann. Würden wir hier leben, würden wir ein Lager errichten, in dem all die Dinge gehortet werden können. Es geht doch am Ende immer ums Mehr-haben-Wollen.«
Ariana schaute fragend ihre Mutter an, die sich an DIE wendete: »Solange wir das machen, was notwendig ist, werden die Zeiten immer gut sein. Alles kommt, wie es kommt, und dann muss man halt sehen, was zu diesem Zeitpunkt erledigt werden muss. Wenn jeder nur noch nehmen würde, kann es nicht mehr funktionieren. Glaube ich zumindest, denn hier war noch nie jemand wie ihr. Es fühlt sich aber falsch an, so zu handeln, wie ihr es gerade macht.«
»Das finde ich auch, denn so bleiben doch zwangsläufig welche auf der Strecke. Ich finde, ihr solltet über das, was meine Frau Felina sagte, mal nachdenken«, forderte Silias, »wir haben genug für alle, keiner muss etwas horten. Sicher, wir haben auch Lager, um Sachen für uns alle einzulagern, da wir nicht alle«, er überlegte, »geernteten Kartoffeln auf einmal essen können und selbstverständlich für spätere Zeiten auch welche haben wollen. Aber lass uns mal rüber zu Zoey gehen, mal sehen, was sie zu dem Thema Geld meint.«
»Geh du mit Ariana, ich bleibe hier, denn Elias kommt gleich und dann wollen wir zusammen das Abendbrot herrichten«, war Felinas Vorschlag.

***

Zoey reparierte gerade die Haustür und ihre zwei Jungs spielten im Gemüsegarten, als eine Gruppe von Schwarzgekleideten auf ihr Haus zu marschierte. Neben den Leuten erkannte sie Ariana und ihren Vater Silias. Am Haus hielten DIE an und erkannten sofort einen großen Makel an der Haustür, welcher allerdings nichts mit der Reparatur zu tun hatte.
»Habt ihr etwa gar keine Schlösser in euren Haustüren?«
»Was soll das sein?«, antwortete Zoey fragend.
»Das sind Vorrichtungen, damit die Tür nicht von jedem einfach so geöffnet werden kann, sondern nur von den Hausbesitzern.«
»Warum sollen denn andere nicht in das Haus dürfen?«
»Es könnte etwas gestohlen werden.«
»Was bedeutet das?«
»Es bedeutet, dass euch jemand eure Sachen wegnimmt … euer Eigentum.«
Zoey erklärte, dass hier niemand einem anderen etwas wegnehmen muss, denn wenn er es brauche, fragt er einfach und bekommt es dann meistens, und wenn das aus irgendeinem Grund nicht der Fall ist, dann geht derjenige halt zu jemand anderem.
»Also habt ihr auch keine Diebstahlversicherung?«
»Schon wieder diese Versicherungen«, schnaufte Ariana, »ich sagte euch doch bereits, dass wir so etwas nicht benötigen, um ein sorgenfreies Leben zu führen.«
»Aber wir waren doch auch wegen etwas ganz anderem hier«, erinnerte Silias, »wir wollten doch über Geld und das Horten von Sachen reden.«

Das war das Stichwort für DIE, deren Augen bei dem Thema zu leuchten begannen. DIE waren jetzt voll in ihrem Element und begannen damit, erst einmal die Bewohner und ihre Lebensweise zu loben, gaben jedoch gleich zu verstehen, dass alles noch viel schöner und vor allem praktischer und perfekter werden könnte, wenn sie Geld einführen würden, das jeden einzelnen von ihnen unabhängig macht.
»Wir können euch bei der Geldeinführung behilflich sein, indem wir es euch zur Verfügung stellen. Dies wird so aussehen«, DIE holten einige Geldscheine aus ihren Koffern und zeigten sie herum. Die Erwachsenen schauten ebenso neugierig wie die Kinder auf das bedruckte Papier.
»Solche Scheine geben wir euch, so viele wie ihr wollt. Mit diesen könnt ihr dann bei den Händlern einkaufen und euch alle Wünsche erfüllen. Das Einzige, was wir als Gegenleistung für das Bereitstellen dieses Zahlungsmittels von euch verlangen, ist eine kleine Gebühr. Ihr bekommt also einen Kredit von uns, zu fabelhaften Konditionen. Was bedeutet, ihr müsst das Geld dann in Raten wieder zurückgeben. Auf diese Weise kommt eure Wirtschaft in Schwung. Und wenn ihr die Kredite abgelöst habt, seid ihr unabhängig und habt euer eigenes Geld verdient. Doch wenn ihr weitermachen wollt, vielleicht euren Betrieb vergrößern oder euch ein besseres Haus bauen wollt, dann bekommt ihr selbstverständlich neue Kredite, auch wenn die alten noch nicht abbezahlt sind. Das geht ohne Probleme. Wir haben genug Geld beziehungsweise können welches … sozusagen aus dem Nichts erschaffen. Zudem könnt ihr dann von eurem Geld bei uns die Versicherungen abschließen, damit ihr ein sorgenfreies Leben habt und nicht etwa bei einem Hausbrand in finanzielle Not geratet. Dafür müsst ihr lediglich ausreichend arbeiten, damit ihr genügend Geld zur Verfügung habt, um regelmäßig die Versicherungsbeiträge, die Raten und die Gebühren für die Kredite bezahlen zu können. Das ist alles. Auf diese Weise schafft ihr es ganz schnell, ein florierendes Wirtschaftssystem aufzubauen. Ihr müsst nur fleißig arbeiten, damit ihr für uns Geld verdienen könnt, also natürlich für euch, denn wir stellen das Geld ja nur zur Verfügung gegen eine kleine Gebühr, die wir Zins und Zinseszins nennen. So einfach geht ein sorgenfreies Leben, das wir euch bieten können. Wie ihr seht, sind wir da, um zu helfen, euer Leben lebenswerter zu machen. Und dann kommen auch Händler zu euch, um mit euch Geschäfte zu machen.«
»Oh, die waren schon da und DIE haben festgestellt, dass es hier bei uns nichts zu handeln gibt«, warf Ariana sogleich ein.
»So, so«, erwiderten DIE, »das wird sich dann ja dank unserer Hilfe ändern. Nun, was sagt ihr, freut ihr euch nicht, dass eure schlechten Zeiten durch unser Geld vorbei sein werden und ihr mit den Händlern Verträge abschließen könnt? Wenn ihr wollt, können wir denen Bescheid geben, dass ihr Interesse habt.«
»Nein, danke!«, schüttelte Zoey den Kopf, »wir machen lieber so weiter wie bisher, ohne Geld und Handel und Wirtschaft. Davon verstehen wir nichts und werden es wahrscheinlich nie. Wir leben unser Leben und damit kommen wir klar.« Sie reichte die Geldscheine in ihrer Hand an DIE zurück und die anderen taten ihr es gleich.
»Na gut, aber ihr werdet sehen, was ihr davon habt, das werden wir der obersten Stelle melden. Es gibt immerhin Gesetze, die verlangen, dass Geld benutzt wird, alleine der Steuern wegen, aber das ist eine weitere Sache, die ihr noch zu spüren bekommen werdet. Denn um die Steuern kann sich keiner drücken … auch ihr nicht!«

***

Egal, wie DIE auch auf die Alphantianer einredeten, sie mussten am Ende des Tages klagend einsehen, dass es hier an diesem Ort, welcher den Namen Xsaxus trug, ja in ganz Alphantis, keine Möglichkeit gab, die Menschen für Geld und Versicherungen zu begeistern. Drum zogen sie niedergeschlagen ab. Für die Alphantianer lief ihr Leben in gewohnten Bahnen weiter, und ihr künstlerisches Schaffen wurde um das Vorhaben der neuesten Besucher erweitert. Auf der Bühne musste neuerdings alles bezahlt und versichert werden. Hübsche gemalte Geldscheine auf Leder lagen von nun an in jedem Haus unter den Suppenschüsseln.

Ende der dritten Alphantis-Episode, in der DIE kamen, um Alphantis ein gekoppeltes Geld-Versicherungssystem zu bringen.

Geschrieben 2026

Mehr zu Alphantis und der -tis Trilogie gibt es hier.

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