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Alphantis – Episode 1

Alphantis – Das Erstland, im Zeitalter der Kunst

Eines Tages kamen Himmelsreisende mit einem Flugschiff nach Alphantis. Sie landeten außerhalb des Dorfes Xsaxus auf einem brachliegenden Acker und verließen ihr Raumfahrzeug, um sich sogleich alles genau anzuschauen. Die Außerphantisten wanderten aufgeregt und gleichzeitig interessiert auf den Schotterstraßen durcheinander. Sie begutachteten die reetgedeckten, aus Baumstämmen gezimmerten schlichten Häuser, deren Fenster teilweise offenstanden und deren Türen keine Vorrichtungen boten, um abgeschlossen zu werden. Die Menschen, die sie unterwegs trafen, wurden freundlich gegrüßt und die Bewohner nickten mit einem Lächeln zurück. Einige von ihnen schöpften Wasser aus den Brunnen oder pflegten die Gemüsegärten, die sich in dem pflanzenreichen Ort verteilten. Die Gebäude und die Straßen fügten sich so in die farbenprächtige Natur ein, als seien diese ein Teil von ihr; aus ihr erwachsen. Schließlich lief den Fremden ein Mädchen über den Weg, und die Besucher sprachen es an: »Guten Tag, mein liebes Kind.«
»Einen schönen guten Tag, werte Gesellschaft, ich bin Ariana und wer seid Ihr?«
»Wir sind DIE und neu hier in der Gegend. Wir kommen von sehr weit her und wir möchten gerne wissen, wo man in diesem schönen Dorf etwas kaufen kann. Kannst du uns das verraten?«
»Kaufen?«, schaute Ariana fragend.
»Ja, kaufen, weißt du denn nicht, was kaufen ist?«
Ariana schüttelte den Kopf und DIE fragten weiter: »Müsst ihr denn nie einkaufen? Etwas zu Essen, Kleidung, technische Geräte, die einem das Leben erleichtern und vereinfachen. Eben all die Dinge, die man so dringend benötigt. Kennst du das nicht aus der Werbung?«
»Werbung? Was ist das? Und nein, hier bei uns kann man nichts einkaufen und erleichtern … wieso eigentlich erleichtern? Unser Leben ist doch nicht schwer.«
»Du kennst keine Werbung? Aber ihr benötigt doch Werbung, die euch sagt, welche neuesten und vor allem lebensnotwendigen Errungenschaften ihr benötigt?«, fragten DIE skeptisch.
»Och«, machte Ariana, schaute in den Himmel und kratzte sich am Kinn, »ich weiß auch nicht? Wir leben halt und es ist doch alles da, was wir brauchen, da müssen wir nichts kaufen, schon gar keine neuesten Errungenschaften … was auch immer das sein mag.«
»Wie, es ist alles da, was ihr braucht?«, zweifelten DIE, »du veralberst uns doch?!«
»Veralbern? Wieso sollte ich albern sein?«
»Es ist nicht zu fassen!«, staunten DIE. »Also gibt es wirklich keine Supermärkte, keine Technikgeschäfte, keine Boutiquen. Aber wir haben doch so schöne Sachen mitgebracht, die wir gerne euren Händlern zum Weiterverkauf anbieten möchten.«
»Händler? Seid ihr Händler?«
»Ja, ganz recht. Großhändler!«, erklärten DIE und nahmen eine aufrechtere Haltung an.
»Und ihr als Großhändler braucht also Kleinhändler, denen ihr was verkaufen könnt?«
»So sieht es aus. Aber sag uns doch einmal, Ariana, wenn ihr weder einen Laden noch einen Markt habt, wo bekommt ihr denn zum Beispiel euer Essen her?«
»Das Essen kommt zum Teil vom Spielplatz, den Gemüsebeeten hier im Ort oder aus dem Wasser und dem Wald.«
»Vom Spielplatz?!«, riefen DIE verblüfft.
»Sicher, woher denn sonst? Wollt ihr ihn vielleicht mal sehen?«

***

Und ob sie wollten, ganz versessen waren DIE darauf, diese Stätte kennenzulernen und so führte Ariana die Großhändler über die Hauptstraße aus dem Dorfkern hinaus. Auf ihrem Fußmarsch begegneten ihnen vereinzelnd Pferdewagen, die mit Holzstämmen und Reet beladen waren. Andere wiederum hatten Lebensmittel wie Brot, Fleisch- und Käsewaren, sowie Obst bei sich. Die Pferde schritten gemütlich voran und wurden jeweils von einem Mann oder einer Frau begleitet, die das Tier an einer Leine führten. Einige Kinder liefen nebenher und winkten Ariana und ihrer Begleitung freudig zu.

Einige hundert Meter weiter kam die Gruppe an einem Platz vorbei, wo Hühner pickten und scharrten, Schafe und Ziegen grasten, Schweine sich tummelten und Kühe sich wiederkäuend die Sonne auf den Rücken scheinen ließen. Das Areal war umgeben von Ställen, in denen lächelnde Frauen und Männer mit ihren Kindern die Schafe scherten, die Kühe melkten, die Eier einsammelten und die Tierunterkünfte ausmisteten. Ein Fluss schlängelte sich von den Bergen kommend durch die Landschaft und zwei Wassermühlen verrichteten ihre Arbeit. Etwas abseits von den Tieren wurde vor einem Haus geschlachtet und in einem weiteren Gebäude befand sich die Bäckerei, die mit frischem Mehl aus den Mühlen versorgt wurde.

Nach ungefähr einem Kilometer kam Ariana mit ihrem Gefolge am Spielplatz an. Dieser bestand aus mehreren Feldern, auf denen die Einheimischen gut gelaunt alles Zeitgemäße ernteten und pflegten. Auf der Obstplantage entdeckte Ariana ihre Eltern mit ihrem Bruder Elias. Sie winkte ihrer Familie zu sich, um die Besucher vorzustellen. Das Mädchen erklärte, es seien Großhändler, die von sehr weit hergekommen waren und die tollsten Sachen dabeihaben würden: technische Geräte, die einem das Leben erleichtern, und nun seien sie auf der Suche nach Kleinhändlern, die ihnen alles abkaufen sollen, damit diese dann etwas haben, was sie wiederum weiterverkaufen können. Auf die Nachfrage hin, wo sie denn die Dinge her haben, die sie verkaufen wollten, erklärten DIE, dass sie die Ware direkt von den Herstellern und Erzeugern erworben haben oder von weiteren Zwischenhändlern.

Ebenso wenig wie Ariana zuvor verstanden auch ihre Eltern nicht, was die Fremden eigentlich genau vorhatten, beziehungsweise was sie mit dem Ganzen bezwecken wollten, und erklärten den Gästen erneut, dass doch von allem genug da sei und es überhaupt keinen Sinn mache, etwas zu kaufen, um es dann gleich wieder weiterzuverkaufen. Warum alles drei- bis viermal kaufen und verkaufen, es hin- und herschleppen, bis es endlich da ankommt, wo es gebraucht wird.
»Aber wir sehen doch, dass euch hier so allerhand fehlt. So können wir beispielsweise nirgends Bananen- oder Ananasstauden entdecken. Doch gerade diese sind so wichtig und darum gibt es die Möglichkeit, diese von uns zu kaufen, da sie hier bei eurem Klima ja nicht wachsen.«
»Ananas … Bananen, was ist das?«, fragte Felina.
»Das ist tolles Obst, ihr könnt doch nicht nur von diesen paar Sorten leben«, DIE zeigten auf die Plantage, wo an die fünfzehn verschiedenen Obstsorten gezüchtet wurden, »wenn es doch noch so viel mehr Sorten gibt.«
»Nur weil es diese vielleicht gibt, bedeutet das doch nicht zwangsweise, dass wir diese auch benötigen! Wenn wir Bananen und all die anderen Obstsorten bräuchten, würden sie hier doch wachsen. Da sie diese aber nicht tun, brauchen wir sie also auch nicht und somit müssen diese Dinge nicht wie wild durch die Gegend transportiert werden. Ach ja, und Geräte, die einem das Leben erleichtern … wozu? Gibt es denn ein leichteres Leben als das, welches wir hier führen? Und das, was wir an Geräten haben, ist ausreichend«, lächelte Felina schließlich und richtete nun ihr Augenmerk auf die Tochter, »was ist mit dir Ariana? Kommst du mit zum Spielen aufs Feld?«
»Ich weiß nicht, ich denke, es ist notwendiger, diesen Leuten hier alles zu zeigen, damit sie unser Leben hier verstehen und erkennen, dass wir nichts kaufen oder verkaufen müssen, um zu leben.«
»Das hört sich doch vernünftig an«, bestätigte Silias und fuhr sich mit den Händen durch die roten Haare.
»Und ich werde dich dabei unterstützen«, beschloss Felina kurzentschlossen.
»Aber heute Nachmittag kommt ihr beide doch mit ins Theater oder …?«, fragte Elias erwartungsvoll.
»Na, klar! Das werden wir uns doch nicht entgehen lassen«, stimmte die Mutter mit leuchtenden Augen zu.

***

Ariana und ihre Mutter spazierten mit DIE an einem See vorbei, wo einige Menschen in Ruderboten saßen und Netze auswarfen. Ihre weitere Wanderung brachte die Gruppe zu einem Wald, in dem sie Holzfäller trafen, die dabei waren, Feuerholz zu hacken, welches von den Frauen und Kindern auf bereitstehende Fuhrwerke gestapelt wurde. Ein weiterer Trupp stellte Baumaterial her und verlud es ebenfalls auf die Wagen. Zwei Frauen, die jeweils einen Köcher mit Pfeilen und einen Bogen über den Rücken trugen, hatten ein Reh auf einer Trage liegen, das sie zum Schlachthaus bringen wollten.

Nach einer Weile hatten sie den Wald sowie eine Lichtung, die neu bepflanzt wurde, hinter sich gelassen und erreichten das Bastlerviertel. So wurde der Ortsteil genannt, in dem sich unter anderem die Gerberei, die Webstuben und Schneider, die Tischler und Schmiede mit dem Werkzeugmacher sowie die Töpferei befanden. Das Rohmaterial für die verschiedensten Güter stammte von den umliegenden Erzminen, den Tongruben und Wäldern sowie der Rinderfarm. Von diesem Bastelviertel aus konnten in einiger Entfernung bereits wieder die Wohnhäuser gesehen werden, da die Führung entlang der Hauptstraße verlief und diese einen Rundweg darstellte. An dieser Straße befand sich alles Lebensnotwendige. Die abgehenden Wege führten zu den Minen, den Tongruben und in die Wälder.

Die anwesenden Kinder versammelten sich neugierig um DIE und erzählten, dass sie hier zusammen mit ihren Eltern alle notwendigen Sachen basteln würden. Befremdlich wirkte auf DIE auch hier die Vorgehensweise, wie die Leute ihre Tätigkeiten ausübten. Es schien so, als passiere die eigentliche Arbeit nebenbei und alles, was mit Arbeit in dem Sinne der DIE zu tun hatte, wurde hier als Spielen oder Basteln bezeichnet.
»Wie könnt ihr alle hier nur so ruhig arbeiten … also ich meinte basteln? Habt ihr denn keine Termine, um die Aufträge einzuhalten?«, fragten DIE.
»Termine? Aufträge? Was bedeutet das?«, fragte Felina. Doch ohne die Antwort abzuwarten sagte sie: »Wir fertigen und pflanzen das an, was gerade benötigt wird. So einfach ist das.«
»Ja, und wenn alle mit anpacken, wird nach ungefähr vier Stunden mit dem Spielen und Basteln aufgehört«, erklärte Ariana, »und jeder nimmt sich das, was er für sich und seine Familie braucht, mit nach Hause. So ist es in ganz Alphantis.«
»Das hört sich alles so unglaublich an, Felina, doch erkläre uns bitte, wie wird das alles hier denn nun finanziert?«
»Was meint ihr?«
»Wer oder wie bezahlt ihr das alles?«
»Das verstehe ich nicht, hier bei uns macht jeder das Notwendige und so muss keiner bezahlen … was auch immer das sein mag. Hier in Alphantis gibt es viele Lebenswirtschaftsräume wie den unsrigen, den wir Xsaxus nennen. Dabei besuchen wir uns untereinander und tauschen unser Wissen miteinander.«
»So kennt ihr also gar nicht das schöne Gefühl, sich was leisten zu können. Die Befriedigung, wenn man sich etwas Tolles kaufen kann, etwas, was andere vielleicht nicht haben, nicht besitzen können, weil sie nicht hart genug arbeiten, um es sich leisten zu können. Je mehr man hat, umso schöner ist es doch und noch viel schöner, wenn es andere nicht vergönnt ist, es zu haben«, meinten DIE mit einem befriedigenden Gesichtsausdruck. »Wir wollen immer alles besitzen, alles haben. Am besten immer mehr, denn man braucht doch so vieles und vor allem mehr davon.«
»Ihr habt vielleicht sonderbare Ideen«, entgegnete Felina, »oder was meinst du Ariana?«
»So ganz kapier ich es auch nicht. Vielleicht kommt es daher, weil wir nicht arbeiten.«
DIE klatschten in die Hände: »Ha, erwischt! Natürlich arbeitet ihr, wir haben es doch gesehen … okay, ihr nennt es Spielen, aber in Wirklichkeit ist es arbeiten. Ihr macht euch da etwas vor«, erwiderten DIE, als hätten sie Mutter und Tochter überführt.
»Ganz gewiss nicht, denn wie kann jemand arbeiten, der nur erntet und vielleicht etwas einsät?«, fragte Felina.
»Ja, Mutti, so ist es! Arbeiten tut doch die Saat die wir aufbringen, die arbeitet zusammen mit der Erde, der Sonne und dem Regen. Die Bäume arbeiten sich groß, das Schaf produziert Wolle, die Kühe Milch und die Hühner legen die Eier, die wir nur noch aufsammeln müssen. Die Arbeit macht doch das Huhn und die Pferde ziehen die beladenen Karren. Dies ist die eigentliche Arbeit, wozu auch die Wassermühlen gehören. Aber was wir hier machen, ist doch nicht die Arbeit.«
»Ja, aber eure Häuser, die Kleidung, die ihr tragt, sind doch durch eure Arbeit produziert worden.«
»Ihr meint durch unser Basteln?«, korrigierte Felina.
»Von mir aus nenn es so.«
»Es ist so, nicht nur so genannt. Denn die Grundstoffe sind ja alle da, wir fügen sie lediglich zusammen. Das kann man nun wirklich nicht als Arbeit bezeichnen.«

***

Jetzt sahen DIE es ein, dass sie bei diesen Menschen von Alphantis aus dem Ort Xsaxus nichts erreichen würden. Klagend erkannten sie, dass es hier in diesem Lebensraum, ja anscheinend in ganz Alphantis, keine Möglichkeit gab, ihre Waren zu veräußern. So haben DIE es nicht geschafft, dieses Land mit ihrer Wirtschaftsideologie zu erobern. Es hatte den Anschein, dass dieses Gedankengut unbeachtet an den Bewohnern von Alphantis abglitt. So bestiegen DIE ihr Raumfahrzeug und wurden nie wieder gesehen.

Einige Monate später tauchten neue Skulpturen und Bilder in Alphantis auf, die Händler darstellten. Es wurden Geschichten von Großhändlern und Händlern erzählt, welche rastlos umherliefen. Getrieben von Terminen. Es wurden Aufträge erteilt, die andere ausführen mussten. Güter wurden hin- und hergeschleppt. Diese neuen Geschichten erweiterten den Kunstbetrieb von Alphantis um weitere heitere Anekdoten aus dem Bereich des Absurden. Die Alphantianer spielten die Idee des Kaufens und Verkaufens kaputt, auf dass sie nicht entstehen konnte.

Ende der ersten Alphantis-Episode, in der DIE kamen, um Alphantis ein profitorientiertes Konsumsystem zu bringen.

Geschrieben 2026

Mehr zu Alphantis und der -tis Trilogie gibt es hier.

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Alphantis – Prolog

Alphantis – Das Erstland, im Zeitalter der Kunst

Sie waren völlig außer Atem. Allein die Aufregung und die Vorfreude trieben sie unermüdlich voran. Kein Weg war zu weit, um dem zu erwartenden Spektakel von Anfang an beizuwohnen. So waren es auch die Kinder, die durch ihr Rennen als Erste am Ort des Geschehens eintrafen. Die schaulustigen Erwachsenen folgten gemächlich mit deutlichem Abstand, da sie wussten, dass sie rechtzeitig eintreffen würden. Dennoch waren sie, ebenso wie die Kinder, begierig auf die spannende Attraktion, die ihnen in absehbarer Zeit geboten würde. Dabei spielte es keine Rolle, wie oft die Bewohner von Alphantis schon dabei waren, es mit eigenen Augen gesehen, miterlebt und mitgefühlt hatten. Die Neugier verlor nichts von ihrer Kraft, und das Geschehen blieb für sie immer jenseits ihrer Vorstellungskraft, egal wie oft sie zusahen.

***

Das Grauen ließ nicht lange auf sich warten, als sich die Todesschreie unter das ratternde Gebrüll der Schnelltötungsgeräte mischten. Die Soldaten schossen kreuz und quer in die Menschenmenge. Kinder, Frauen und Männer stürzten blutüberströmt zu Boden. Menschen rannten um ihr Leben. Die Körper der Gefallenen wurden unter den Füßen der in Panik davonstürzenden zerquetscht. Am Ende überlebten nur wenige das Massaker. Die Soldaten trieben diese zusammen und es schlossen sich Eisenschellen mit Ketten um Handgelenke. Die in Ketten gelegten wurden unter Peitschenschlägen in die Kerker getrieben, wo sie sich schutzlos den Folterungen ihrer Peiniger ausgeliefert vorfanden.

Die Gruppe von Personen, die unbeteiligt aus sicherer Entfernung dem Geschehen folgte, konnte sich bei so mancher Szene das Lachen nicht verkneifen. Sie gaben ihren Nachbarn einen leichten Stoß und deuteten schenkelklopfend auf die Gequälten. Dies ging so lange, bis sich nach zwei Stunden das Schauspiel auf den Höhepunkt zubewegte. Ein Höhepunkt, der kein glückliches Ende kannte. Ein Ende, welches zeigte, dass alles so weiterlaufen würde wie gehabt. An diesem Punkt hielt es die Zuschauer nichts mehr auf ihren Bänken. Sie sprangen auf und spendeten tosenden Applaus. Sie waren Zeugen davon geworden, wie Menschen sich anfangs gegenseitig belogen, um daraus ihren eigenen Vorteil zu erlangen. Intrigen wurden gesponnen, um Macht über andere zu gewinnen. Menschen wurden von Menschen benutzt, ausgebeutet; als Sklaven gehalten und letztendlich getötet.

Als die Schauspieler den Bühnenplatz verlassen hatten und die ersten Zuschauer das Amphitheater verließen, blieben noch einige Besucher auf der Tribüne zurück und unterhielten sich über das Gesehene. Sie schüttelten dabei belustigt und verblüfft zugleich die Köpfe.
»Nein, nein, was diese Theaterleute nur für eine Fantasie haben«, staunte eine Frau.
»Und die ganzen Ideen für diese Teile, womit sie die Menschen getötet haben, wie nannten sie diese doch gleich?«, fragte ein Mann und schaute nachdenklich hinauf in den blauen Himmel.
Die Antwort kannte der zwölfjährige Elias: »Schnelltötungsgeräte!«
»Richtig … «, bestätigte der Mann, und die Frau beteiligte sich erneut an dem Gespräch: »Überhaupt auf die Idee zu kommen, einen anderen Menschen zu verletzen oder gar zu töten, das ist doch völlig absurd, da kann man doch nur drüber lachen.«
»Ganz recht, das macht überhaupt keinen Sinn … Es sah aber dennoch sehr realistisch aus«, erwiderte ein weiterer Mann mit Namen Silias.
»Aber ist doch immer witzig«, fügte die achtjährige Ariana, die Tochter von Silias hinzu, »mir gefallen immer die gespielten Tötungen mit dem ganzen Blut.«
»Das stimmt, das ist richtige Magie, denn so richtig sieht man gar nicht, wo das Blut herkommt und am Ende bei der Verbeugung stehen alle unversehrt wieder auf«, bestätigte ihre Mutter Felina, die zweite Frau in der Gesprächsrunde.
»Das machen die wirklich gut, das ist alles bis ins Kleinste einstudiert. Das Blut kommt übrigens aus kleinen versteckten Lederbeuteln und ist natürlich Rinder- oder Schweineblut«, erklärte Silias und wendete sich an seinen Sohn Elias, »und du, mein Junge, wie gefiel dir das Theaterstück?«
»Och, hab schon bessere gesehen. Wenn ich groß bin, werde ich auch solche Stücke entwerfen.«
»Davon bin ich überzeugt, mein Sohn!«, bekräftigte der Vater und wuschelte dem Sohn durch die roten Haare.

***

Am Abend saß Felina vor dem Kamin und strickte Socken, als ihre Tochter den Wohnraum betrat. Ariana setzte sich neben ihre Mutter auf das weiche Schafsfell, welches der robusten Holzbank eine flauschige Sitzfläche bereitete.
»Du, Mutti! Verstehe ich es eigentlich richtig, dass es in den Theaterstücken immer irgendwie darum geht, dass es nicht die großen Anführer sind, also, ähm, diese witzigen Redenschwinger, die es immer wieder schaffen, sich selbst zu erheben, also dass diese es sind, die nicht selbst Hand anlegen, um zu morden und so.«
»Das siehst du richtig, mein Schatz. Denn das Einzige, was diese Herrscher können, ist reden und nochmals reden, sie beherrschen diese Kunst bis zur Perfektion, und zwar so täuschend, dass die Menschen es nicht als solche erkennen. Auf diese Art schaffen sie es immer, ihre hörigen Gefolgsleute wie Marionetten an den Fäden tanzen zu lassen.«
»Es sind also Menschen, die blind alles befolgen. Sie geben ihre Hände, um ihre Mitmenschen zu quälen und zu töten, indem sie auf sie schießen oder wer weiß was anstellen.«
»Das hast du gut gesagt, die Handlanger geben ihre Hände und an dritter Stelle stehen dann die Mitläufer der tanzenden Puppen. Diese geben den selbsternannten Herrschern letztendlich die vollständige Macht, und die, die dieses Spiel nicht mitmachen wollen, die Verweigerer, Menschen, die anders denken und handeln, als es die Machthaber verlangen, werden Opfer der gehorsamen Armee.«
»Wieso tun sie das? Sind die vielleicht ein bisschen doof?«
Die Mutter lächelte und legte das Strickzeug auf ihren Schoß: »Wenn du es so ausdrückst, irgendwie schon. Es sind Leute, die nicht eigenständig denken, die immer jemanden brauchen, der ihnen sagt, was sie zu tun haben und wo es langgeht. Diese Menschen hinterfragen nicht, was die … wie nanntest du sie … die witzigen Redenschwinger, so von sich geben, egal wie absurd und widersprüchlich so manches ist. Ebenso verhält es sich mit den Mitläufern, die nicht erkennen, wie die Redner alles so hinbiegen, dass es in ihr erschaffenes herrschsüchtiges Konstrukt passt.«
»Aber das sind doch alles nur Märchen, so etwas gibt es doch nicht in Wirklichkeit … oder?«
»Nein, natürlich nicht. Das ist alles Erfindung und nun geh schön schlafen und träume süß.«

***

So ging an einem weiteren Tag in Alphantis die Sonne unter, deren Bewohner das Theater über alles liebten. Aus allen umliegenden Dörfern strömten die Menschen in das große Freilichttheater, um sich diese Schauspiele über die Absurditäten, die sich bis hin zur ausufernden Gewalt erstreckten, anzusehen. Jener Wahnsinn, den es in der Realität von Alphantis nicht gab, noch nie gegeben hatte. Es war für die Alphantianer undenkbar, dass solche Dinge in Wirklichkeit passieren könnten. Ihr Leben war das eine, die Bühne etwas ganz anderes. Auf ihr wurde alles Undenkbare denkbar und das Unmögliche möglich. Und nicht nur das Theater diente ihnen dazu, sondern die gesamte Bandbreite der Kunst erfüllte diesen Zweck. In ihr oder durch sie werden schlimme Gedanken, Aggressivität, Gewalt, Missgunst, Verrat und alle weiteren negativen Emotionen und Feindseligkeiten ausgelebt. All jenes bildete den Antrieb für ihre Kunst. Woher dieses Verlangen kam, wieso es so war, konnte keiner benennen; es war für sie nicht greifbar. Doch tief in ihrem Inneren spürten die Alphantianer, dass es da etwas gab, was in ihnen schlummerte, was raus musste, aber niemals das Licht der realen Welt erblicken durfte. Denn es war fehlerhaft und völlig unnütz. Um das zu erreichen, benötigten sie ein Ventil, und dieses Ventil entdeckten sie in der Kunst, welche sich in ganz Alphantis verteilte. Anhand von Skulpturen, Bildern und Geschichten, die sie sich erzählten und auf die Bühne brachten. Sie leiteten diese, für sie nicht wirklich spürbaren, negativen Energien aus sich heraus und spielten sie in die Kunst hinein. Die Kunst spielte sich an ihnen ab. So war es seit Anbeginn der Zeit in Alphantis – Dem Erstland, im Zeitalter der Kunst.

Geschrieben 2026

Mehr zu Alphantis und der -tis Trilogie gibt es hier.

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