Alphantis – Prolog

Alphantis – Das Erstland, im Zeitalter der Kunst

Sie waren völlig außer Atem. Allein die Aufregung und die Vorfreude trieben sie unermüdlich voran. Kein Weg war zu weit, um dem zu erwartenden Spektakel von Anfang an beizuwohnen. So waren es auch die Kinder, die durch ihr Rennen als Erste am Ort des Geschehens eintrafen. Die schaulustigen Erwachsenen folgten gemächlich mit deutlichem Abstand, da sie wussten, dass sie rechtzeitig eintreffen würden. Dennoch waren sie, ebenso wie die Kinder, begierig auf die spannende Attraktion, die ihnen in absehbarer Zeit geboten würde. Dabei spielte es keine Rolle, wie oft die Bewohner von Alphantis schon dabei waren, es mit eigenen Augen gesehen, miterlebt und mitgefühlt hatten. Die Neugier verlor nichts von ihrer Kraft, und das Geschehen blieb für sie immer jenseits ihrer Vorstellungskraft, egal wie oft sie zusahen.

***

Das Grauen ließ nicht lange auf sich warten, als sich die Todesschreie unter das ratternde Gebrüll der Schnelltötungsgeräte mischten. Die Soldaten schossen kreuz und quer in die Menschenmenge. Kinder, Frauen und Männer stürzten blutüberströmt zu Boden. Menschen rannten um ihr Leben. Die Körper der Gefallenen wurden unter den Füßen der in Panik davonstürzenden zerquetscht. Am Ende überlebten nur wenige das Massaker. Die Soldaten trieben diese zusammen und es schlossen sich Eisenschellen mit Ketten um Handgelenke. Die in Ketten gelegten wurden unter Peitschenschlägen in die Kerker getrieben, wo sie sich schutzlos den Folterungen ihrer Peiniger ausgeliefert vorfanden.

Die Gruppe von Personen, die unbeteiligt aus sicherer Entfernung dem Geschehen folgte, konnte sich bei so mancher Szene das Lachen nicht verkneifen. Sie gaben ihren Nachbarn einen leichten Stoß und deuteten schenkelklopfend auf die Gequälten. Dies ging so lange, bis sich nach zwei Stunden das Schauspiel auf den Höhepunkt zubewegte. Ein Höhepunkt, der kein glückliches Ende kannte. Ein Ende, welches zeigte, dass alles so weiterlaufen würde wie gehabt. An diesem Punkt hielt es die Zuschauer nichts mehr auf ihren Bänken. Sie sprangen auf und spendeten tosenden Applaus. Sie waren Zeugen davon geworden, wie Menschen sich anfangs gegenseitig belogen, um daraus ihren eigenen Vorteil zu erlangen. Intrigen wurden gesponnen, um Macht über andere zu gewinnen. Menschen wurden von Menschen benutzt, ausgebeutet; als Sklaven gehalten und letztendlich getötet.

Als die Schauspieler den Bühnenplatz verlassen hatten und die ersten Zuschauer das Amphitheater verließen, blieben noch einige Besucher auf der Tribüne zurück und unterhielten sich über das Gesehene. Sie schüttelten dabei belustigt und verblüfft zugleich die Köpfe.
»Nein, nein, was diese Theaterleute nur für eine Fantasie haben«, staunte eine Frau.
»Und die ganzen Ideen für diese Teile, womit sie die Menschen getötet haben, wie nannten sie diese doch gleich?«, fragte ein Mann und schaute nachdenklich hinauf in den blauen Himmel.
Die Antwort kannte der zwölfjährige Elias: »Schnelltötungsgeräte!«
»Richtig … «, bestätigte der Mann, und die Frau beteiligte sich erneut an dem Gespräch: »Überhaupt auf die Idee zu kommen, einen anderen Menschen zu verletzen oder gar zu töten, das ist doch völlig absurd, da kann man doch nur drüber lachen.«
»Ganz recht, das macht überhaupt keinen Sinn … Es sah aber dennoch sehr realistisch aus«, erwiderte ein weiterer Mann mit Namen Silias.
»Aber ist doch immer witzig«, fügte die achtjährige Ariana, die Tochter von Silias hinzu, »mir gefallen immer die gespielten Tötungen mit dem ganzen Blut.«
»Das stimmt, das ist richtige Magie, denn so richtig sieht man gar nicht, wo das Blut herkommt und am Ende bei der Verbeugung stehen alle unversehrt wieder auf«, bestätigte ihre Mutter Felina, die zweite Frau in der Gesprächsrunde.
»Das machen die wirklich gut, das ist alles bis ins Kleinste einstudiert. Das Blut kommt übrigens aus kleinen versteckten Lederbeuteln und ist natürlich Rinder- oder Schweineblut«, erklärte Silias und wendete sich an seinen Sohn Elias, »und du, mein Junge, wie gefiel dir das Theaterstück?«
»Och, hab schon bessere gesehen. Wenn ich groß bin, werde ich auch solche Stücke entwerfen.«
»Davon bin ich überzeugt, mein Sohn!«, bekräftigte der Vater und wuschelte dem Sohn durch die roten Haare.

***

Am Abend saß Felina vor dem Kamin und strickte Socken, als ihre Tochter den Wohnraum betrat. Ariana setzte sich neben ihre Mutter auf das weiche Schafsfell, welches der robusten Holzbank eine flauschige Sitzfläche bereitete.
»Du, Mutti! Verstehe ich es eigentlich richtig, dass es in den Theaterstücken immer irgendwie darum geht, dass es nicht die großen Anführer sind, also, ähm, diese witzigen Redenschwinger, die es immer wieder schaffen, sich selbst zu erheben, also dass diese es sind, die nicht selbst Hand anlegen, um zu morden und so.«
»Das siehst du richtig, mein Schatz. Denn das Einzige, was diese Herrscher können, ist reden und nochmals reden, sie beherrschen diese Kunst bis zur Perfektion, und zwar so täuschend, dass die Menschen es nicht als solche erkennen. Auf diese Art schaffen sie es immer, ihre hörigen Gefolgsleute wie Marionetten an den Fäden tanzen zu lassen.«
»Es sind also Menschen, die blind alles befolgen. Sie geben ihre Hände, um ihre Mitmenschen zu quälen und zu töten, indem sie auf sie schießen oder wer weiß was anstellen.«
»Das hast du gut gesagt, die Handlanger geben ihre Hände und an dritter Stelle stehen dann die Mitläufer der tanzenden Puppen. Diese geben den selbsternannten Herrschern letztendlich die vollständige Macht, und die, die dieses Spiel nicht mitmachen wollen, die Verweigerer, Menschen, die anders denken und handeln, als es die Machthaber verlangen, werden Opfer der gehorsamen Armee.«
»Wieso tun sie das? Sind die vielleicht ein bisschen doof?«
Die Mutter lächelte und legte das Strickzeug auf ihren Schoß: »Wenn du es so ausdrückst, irgendwie schon. Es sind Leute, die nicht eigenständig denken, die immer jemanden brauchen, der ihnen sagt, was sie zu tun haben und wo es langgeht. Diese Menschen hinterfragen nicht, was die … wie nanntest du sie … die witzigen Redenschwinger, so von sich geben, egal wie absurd und widersprüchlich so manches ist. Ebenso verhält es sich mit den Mitläufern, die nicht erkennen, wie die Redner alles so hinbiegen, dass es in ihr erschaffenes herrschsüchtiges Konstrukt passt.«
»Aber das sind doch alles nur Märchen, so etwas gibt es doch nicht in Wirklichkeit … oder?«
»Nein, natürlich nicht. Das ist alles Erfindung und nun geh schön schlafen und träume süß.«

***

So ging an einem weiteren Tag in Alphantis die Sonne unter, deren Bewohner das Theater über alles liebten. Aus allen umliegenden Dörfern strömten die Menschen in das große Freilichttheater, um sich diese Schauspiele über die Absurditäten, die sich bis hin zur ausufernden Gewalt erstreckten, anzusehen. Jener Wahnsinn, den es in der Realität von Alphantis nicht gab, noch nie gegeben hatte. Es war für die Alphantianer undenkbar, dass solche Dinge in Wirklichkeit passieren könnten. Ihr Leben war das eine, die Bühne etwas ganz anderes. Auf ihr wurde alles Undenkbare denkbar und das Unmögliche möglich. Und nicht nur das Theater diente ihnen dazu, sondern die gesamte Bandbreite der Kunst erfüllte diesen Zweck. In ihr oder durch sie werden schlimme Gedanken, Aggressivität, Gewalt, Missgunst, Verrat und alle weiteren negativen Emotionen und Feindseligkeiten ausgelebt. All jenes bildete den Antrieb für ihre Kunst. Woher dieses Verlangen kam, wieso es so war, konnte keiner benennen; es war für sie nicht greifbar. Doch tief in ihrem Inneren spürten die Alphantianer, dass es da etwas gab, was in ihnen schlummerte, was raus musste, aber niemals das Licht der realen Welt erblicken durfte. Denn es war fehlerhaft und völlig unnütz. Um das zu erreichen, benötigten sie ein Ventil, und dieses Ventil entdeckten sie in der Kunst, welche sich in ganz Alphantis verteilte. Anhand von Skulpturen, Bildern und Geschichten, die sie sich erzählten und auf die Bühne brachten. Sie leiteten diese, für sie nicht wirklich spürbaren, negativen Energien aus sich heraus und spielten sie in die Kunst hinein. Die Kunst spielte sich an ihnen ab. So war es seit Anbeginn der Zeit in Alphantis – Dem Erstland, im Zeitalter der Kunst.

Geschrieben 2026

Mehr zu Alphantis und der -tis Trilogie gibt es hier.

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