Alphantis – Episode 8

Alphantis – Das Erstland, im Zeitalter der Kunst

Eines Tages kamen Himmelsreisende mit einem Flugschiff nach Alphantis. Sie landeten außerhalb des Dorfes Xsaxus auf einem brachliegenden Acker und verließen ihr Raumfahrzeug, um sich sogleich alles genau anzuschauen. Die Außerphantisten bewegten sich in einem zackigen Marsch, die Arme wurden im Rhythmus seitlich an ihren bulligen Körpern hoch und runter geschwungen. Einige von ihnen ließen rote Fahnen an Stangen im Wind wehen, in deren Mitte sich ein weißer Stern befand. Die schwarzen Ledermäntel hingen schwer an ihren Körpern, die Kragen hochgestellt und die Augen versteckt hinter dunklen Brillengläsern. Am Ende ging ein unscheinbar wirkender zierlicher Mann, dessen Körpergröße die anderen um fast zwei Kopflängen unterbot. Ein maßgeschneiderter dunkelblauer Anzug umschloss seinen Körper. Begleitet wurde er von zwei Männern, die etwas größer waren als er. An ihren beigefarbenen Uniformjacken funkelten zahlreiche Orden.

Die vordersten fünf Männer riefen nacheinander in Megaphone:
»ER, der gekommen ist, uns den Weg zu weisen!«
»ER, der befiehlt, damit wir folgen!«
»ER, der Führer des rechten Weges!«
»ER, der Herrscher über alles!«
»ER, der hinter den Reihen geht!«
Diese Parolen wiederholten sie, während sich die Abteilung durch Xsaxus und am Ende durch ganz Alphantis bewegten. Die Schar sorgte für großes Aufsehen und immer mehr Menschen schlossen sich ihnen an. Die Einwohner von Alphantis folgten der Prozession und wurden Teil von ihr. Dabei hatte es den Anschein, als kannten sich die neuen Besucher bestens aus, denn ihr Marsch führte direkt zum Amphitheater. Dort verteilten sich die Männer mit ihren Fahnen auf der obersten Tribüne. ER begab sich mit seinen uniformierten Begleitern zur Bühne, wo die Megafonmänner ein Rednerpult aufstellten. Währenddessen nahmen die anwesenden Bewohner von Alphantis auf der Tribüne Platz. Als alles so weit aufgebaut war, begab ER sich hinter das Pult, hob den rechten Arm und begann mit bewegendem Zeigefinger seine Worte seinem Publikum entgegenzuwerfen.

***

Die Alphantianer lauschten gespannt den Worten, die ER an sie richtete: »Meine lieben Freunde! Ich habe gehört, dass dieses Theater euer gemeinsamer Lieblingsplatz ist, drum nutze ich diesen, um zu euch zu sprechen. Ihr seid ein Volk des Wortes und des Spiels. Das begrüße ich sehr, ihr habt Verstand und macht, was gut für euch ist«, die Zuhörer nickten bestätigend und ER fuhr fort: »Daran will ich absolut nichts ändern und es spricht für euch, dass ihr allen Verführungen tapfer entgegengetreten seid. Ich bin jetzt zu euch gekommen, damit alles so bleiben kann, wie ihr es kennt. Ich und auch niemand von meinen Gefolgsleuten haben die Absicht, euch zu etwas zu überreden. Vielleicht sieht es so aus, doch es sind alles nur Vorschläge, die ihr freiwillig eingehen könnt. Ich betone: Es ist alles freiwillig, niemand wird gezwungen. Nur, und das müsst ihr mir, meine lieben Freunde, zugestehen, möchte ich gerne eure Zustimmung für meine Führungsposition. Denn ich bin der offizielle Vertreter der neuen Ordnung der Welt. Ich bin dazu auserwählt, diese umzusetzen und euch zu führen. Eine Ordnung, wie sie bereits überall herrscht. Ihr werdet ein tolles Wirtschaftssystem bekommen, ausreichend Arbeit und Geld.«

Inhaltlich wiederholte ER alles, was DIE zuvor bereits von sich gaben. Doch nur er verstand es, dass es auch bei den Menschen wirklich ankam. ER redete ohne Unterbrechung, dabei gestikulierte er wild mit seinen Armen, hob und schwenkte immer wieder mahnend den rechten Zeigefinger, den er einsetzte, wie der Dirigent seinen Taktstock. Mimik, Gestik, Stimme, alles war auf die Worte bis zur Perfektion abgestimmt. Ja, selbst die Worte sprach ER so punktgenau, dass diese eine hypnotische Wirkung entfalteten. Mal wurden die Worte langsam gesprochen, dann kamen sie kurz und knackig, Buchstaben wurden an passender Stelle gedehnt oder gerollt. So war es nicht der Inhalt, der die Menschen von Alphantis bewegte. Nein, es war die Form, der Klang, der emotionale Sog, der sich dahinter verbarg.

»Doch leider, meine Freunde, gibt es hier ein großes Übel unter euch«, er machte eine andächtige Pause, senkte leicht den Kopf und die Zuschauer hielten den Atem an. Plötzlich richtete er sich auf und es brach mit der Unterstützung seines rechten Armes aus ihm heraus: »Es ist das Übel der Rothaarigen«, erneut eine kleine Pause, »ja, ihr habt recht gehört und es ist leider so«, sein rechter Zeigefinger schwang energischer, ja geradezu drohend, »es sind die Rothaarigen unter euch, die Zwietracht säen, denn nur sie sind auf ihr eigenes Wohl bedacht. Sie sind es gewesen, die alles daran setzten, um all DIE lieben Menschen mit ihren Ideen ins Lächerliche zu ziehen. Sie haben euch blonden und dunkelhaarigen Menschen verführt, verführt dazu, Widerstand gegen DIE zu leisten. Und darum gibt es nur eine Lösung und die heißt: Vertreibung und am Ende … ich sage es ganz deutlich, meine Freunde, steht ihre Vernichtung!«

Plötzlich begannen die nicht betroffenen Menschen aufzuspringen und lauthals über die Rothaarigen zu schimpfen, zeigten auf diese und setzten sich von ihnen weg. Zu den angefeindeten gehörten auch die Geschwister Zoey und Silias mit seinem Sohn Elias. Im Gegenzug rückten die Rothaarigen angsterfüllt dichter zusammen. Nur mit Mühe und beschwichtigenden Armbewegungen schaffte ER es, die aufgebrachte Menschenmenge wieder zu beruhigen, auf dass sie ihm wieder ihre Aufmerksamkeit schenkten und sich setzten. Innerlich frohlockte er, dass ER es wieder einmal vollbracht hatte, eine Gemeinschaft in zwei Lager zu spalten. Nicht aus Böswilligkeit, es war nur zu ihrem Besten, wie alles, was er tat. So nahm er diesen Gedanken auf und sprach: »Es ist doch so, liebe Freunde, ihr wisst doch, dass ich es nur gut mit euch meine, wir stehen alle zusammen wie ein Mann und wenn ich sage, es muss so sein, dann ist das so. Und wenn ich sage, wir müssen in den Krieg ziehen, dann werden wir in den Krieg ziehen! Weil ihr ihn doch auch wollt, den absoluten Krieg gegen die Rothaarigen! Damit es zum Endfrieden kommen kann! Denn eines ist doch vollkommen klar meine Freunde«, er machte eine andächtige Pause, »ohne Krieg wird es niemals Frieden geben können! So frage ich euch, wollt ihr den absoluten Krieg gegen die Rothaarigen?«
Alle jubelten. Außer den Rothaarigen.
»Wollt ihr die absolute Führung?«
Alle jubelten. Außer den Rothaarigen.

Die Alphantianer waren ganz im Banne von ER und allmählich verstanden sie, was ER wollte und waren begeistert. Sie hatten ihren Führer, ihren wahren Gott gefunden, den Gott der Kunst, den Gott der Bühne. Keiner übertraf sein Schauspiel, das Auftreten seines Gefolges, ihre Kleidung und ihr Gebaren. Es war die absolute Kunst. Alles, was ER von sich gab, war nicht zu überbieten. Es war alleine für die Bühne geschaffen worden, nicht für die Realität.

Nach der Kundgebung von ER mischten sich die Alphantianer wieder untereinander, lachten und umarmten sich herzlich. Beglückwünschten sich zu dem spontanem Schauspiel. Ariana hingegen machte sich auf den Weg zu ER. Als sie vor ihm stand, musterte sie ihn von oben bis unten und fragte: »Sag mal, wie heißt du eigentlich?«
ER senkte den Kopf und schaute lächelnd Ariana in die blauen Augen, die aus ihrem Engelsgesicht leuchteten. ER legte seine rechte Hand auf die strohblonden Locken des Kindes und sagte mit einer streichelnden Bewegung: »Mein Name ist Albert.«
»Albert … das ist ja witzig, klingt wie Albern … Onkel Albern hi, hi«, freute sich Ariana, griff nach seiner Hand und ordnete an: »Komm, lieber Onkel Albern, wir gehen Schaukeln!«

***

ER, der immer da sein wird.
ER, der sich niemals ändern wird.
ER, der niemals entfernt werden kann.
ER, der so genommen werden muss, wie ER ist … nur eines nicht: ernst.
ER kam, ER sah, ER blieb!

So wurde ER in die Gemeinschaft von Alphantis absorbiert, wie einst die Krieger. ER wurde von den Bewohnern so gelassen, wie ER war, ER schwang seine Reden auf der Bühne, auch wenn keiner da war, um ihm zuzuhören, was ihn nicht störte, solange er reden durfte. Die Alphantianer kreierten Theaterstücke, in denen ER redete und weitere Schauspieler auf der Bühne agierten in Kriegen oder inszenierten totbringende Seuchen. Einfach alles, was sich in ihrer Kiste der Bühnenkunst befand, wurde auf ER abgestimmt oder mit ihm in Verbindung gebracht. Es gab kein einziges Stück, in dem ER nicht zu sehen war. ER war immer präsent, auch wenn es nur unscheinbar im Hintergrund war. ER redete viel, doch hatte in Alphantis nichts zu sagen.

Ende der achten Alphantis-Episode, in der ER kam, um Herrscher zu werden und wurde am Ende ihr Führer – Der Führer der Kunst.

Geschrieben 2026

Mehr zu Alphantis und der -tis Trilogie gibt es hier.

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