Alphantis – Episode 5

Alphantis – Das Erstland, im Zeitalter der Kunst

Eines Tages kamen Himmelsreisende mit einem Flugschiff nach Alphantis. Sie landeten außerhalb des Dorfes Xsaxus auf einem brachliegenden Acker und verließen ihr Raumfahrzeug, um sich sogleich alles genau anzuschauen. Einige Außerphantisten schritten in weißen Gewändern mit bestickten, in Gold gehaltenen Ornamenten den Hauptweg entlang. In ihren Händen hielten sie Stangen mit Fahnen, auf denen ebenfalls Symbole zu erkennen waren. Hinter ihnen gingen zwölf weitere Personen in schwarzen Roben, von denen jeweils vier eine Sänfte trugen. In diesen thronte jeweils eine Person, die auf Samt gebettet, in Seide gewandet und mit Gold beschmückt war. Die Besucher grüßten freundlich die Menschen, denen sie begegneten und die Bewohner nickten mit einem Lächeln zurück. Schließlich lief den Fremden ein Mädchen über den Weg, und die Besucher hielten es an: »Guten Tag, mein liebes Kind«, entgegnete die Person aus der ersten Sänfte.
»Einen schönen guten Tag, werte Gesellschaft, ich bin Ariana und wer seid Ihr?«, erwiderte die Kleine und legte dabei den Kopf soweit nach hinten, wie sie konnte, um den Menschen hoch oben ansehen zu können.
»Wir sind DIE und neu hier in der Gegend. Wir kommen von sehr weit her und wir möchten gerne eure Gotteshäuser und Tempel besichtigen. Wo befinden sich diese?«
»Sowas haben wir nicht, was soll das sein?«
»Das sind Stätten, wo man Gott preiset«.
»Ach so, jetzt verstehe ich, was ihr meint. Also, dafür haben wir keine extra Häuser und auch keine Tempel, denn Gott ist überall. Gott ist der Wald, jeder Baum, jeder Strauch. Gott ist in uns, um uns, mit uns. Das ist alles eins. Der All-Geist. Gott ist Geist und Natur, Natur ist Liebe und wir sind Liebe und somit sind wir alle Gott«, erklärte Ariana.
»Nein, nein, was redest du da, mein liebes Kind!«, drang eine empörte Stimme Ariana von oben entgegen, »Gott ist doch nicht Natur, Gott ist der Erschaffer der Welt, der, der die Natur gemacht hat und leitet. Was du da erzählst ist Narrenkram.«
»Narrenkram?«
»Ja, Narrenkram! Habt ihr denn keine Priester, die euch den richtigen Gottesglauben beigebracht haben?«
»Och«, machte Ariana, schaute in den Himmel und kratzte sich am Kinn, »solche Leute haben wir nicht.«
»Ihr müsst doch zumindest einen Priester haben, der euch den rechten Weg weist.«
»Was ist der rechte Weg?«
»Eben, wenn ihr keinen Priester habt, dann braucht ihr dringend jemanden und ihr habt Glück, dass wir vorbeigekommen sind. Das hätte sonst schlimm mit euch geendet.«
»Das ist merkwürdig, denn auch ohne wegweisenden Priester finden wir immer den richtigen Weg.«
»Wir wollen und können das nicht so recht glauben«, zweifelten DIE, »du veralberst uns doch?!«
»Veralbern? Wieso sollte ich albern sein?«
»Aber ihr braucht doch eine Führung für den echten und wahren Glauben. Damit ihr gesagt bekommt, wie ihr ein gottesfürchtiges Leben führen könnt.«
»Wieso sollen wir Gott, also die Natur fürchten, dann müssten wir uns ja auch vor uns fürchten, denn wir sind Teil der Natur, also auch Gottes!«
»Das ist ja Blasphemie!«, schrien DIE, »der Mensch ist nicht Teil Gottes, er ist die Schöpfung Gottes und steht über der Natur, die er sich untertan machen soll.«
»So ist das also …«
»So und nicht anders! Der Mensch trägt große Verantwortung und dieses birgt natürlich Gefahren in sich, die Gefahr der Sünde und um dieser Gefahr zu entkommen, braucht ihr jemanden, der eure Sünden vergeben kann.«
»Sünden? Die brauchen doch nicht vergeben zu werden, da wir sowas hier nicht haben?«
»Ihr sündigt nicht? Wie könnt ihr das wissen ohne einen geistlichen Führer?«

***

Schnell hatte sich das Ankommen weiterer DIE im Dorf rumgesprochen und es wurde gemunkelt, dass diese etwas ganz Besonderes seien. Denn DIE brachten den wahren Gottesglauben mit, der nötig sei, um den rechten Weg zu finden, damit Sünden vergeben werden können. DIE luden die Bewohner auf den Dorfplatz von Xsaxus ein, um ihnen den wahren Glauben näherzubringen. Als die Alphantianer das hörten, beendeten sie ihr Spielen und Basteln und kamen neugierig zum Ortskern.

Gerade als Ariana mit ihrer Familie hinzukam, waren DIE dabei zu erklären, dass es wichtig sei zu verstehen, wo der Mensch herkommt und was seine Aufgabe, sowie Position im Leben und der Welt ist.
»All das und noch mehr steht in diesem Buch der Bücher«, erklärten DIE und hielten ein dickes, in schwarzem Leder gebundenes Buch hoch.
»Ein Buch? Woher bekommen wir es?«, fragte Silias sogleich.
»Das müsst ihr bei uns kaufen.«
»Aber wozu, wir können doch gar nichts damit anfangen. Wir kennen die Zeichen darin nicht«, bemerkte Felina.
»Das macht überhaupt nichts, wichtig ist, dass ihr es habt. Alles andere bringen wir euch später bei. Denn alleine der Besitz gibt euch den rechten Glauben. Und damit ihr wisst, was darin steht, werden wir euch einige Passagen daraus wiedergeben.«

So sprachen DIE von einem demütigen Leben, welches geführt werden sollte. Menschen müssen Gott und seinen erdischen Vertretern dienen. Danach dürfen sie an sich denken und sich untereinander unterstützen. Der Mensch muss redlich und bescheiden leben, sagten DIE, während die Sonne auf das Goldgeschmeide traf, welches DIE um den Hals hing, und in den Brillantringen funkelte.
»Aber so leben wird doch«, rief Ariana, »also bis auf das Dienen der Vertreter. Wir haben Demut dem Leben und der Natur gegenüber. Wir leben in Mäßigung und Ehrlichkeit, haben Respekt vor allem und jedem. Leben Gerechtigkeit, halten Treue und haben eine gelassene Grundeinstellung, sowie einen starken Glauben an den Energiefluss des Lebens, mit seiner Geistigkeit der Einheit. Durch sie ist alles in Bewegung und die Gegensätze, die gebraucht werden, bringt die Welt in Ausgleich. Dinge ziehen sich an und alles hat eine Ursache. Das Schreiten der Welt spielt sich in Mustern und Zyklen ab. Wir handeln bewusst, damit sich alles zum Guten wandeln kann.«
Felina lächelte ihrer Tochter zu und DIE winkten ab:
»Das ist ja alles schön und gut … dennoch lebt ihr in Sünde!«
»Wie das?«, fragte Felina stirnrunzelnd.
»Na, alleine, dass ihr unseren Glauben nicht angehört, ist schon eine Sünde! So steht geschrieben: Wer nicht an mich, den allmächtigen Gott und meine Stellvertreter auf Erden glaubt, lebt in Sünde! Und wer in Sünde lebt, wird im Feuer der Hölle brennen.«
Die Bewohner schauten sich mit verschreckten Augen an. Auch wenn sie nicht wussten, was die Hölle sein sollte, so hörte sich – brennen – gar nicht gut an.
»Aber seid beruhigt, wir sind schließlich da, um euch zu erretten. Denn der Sünder kann sich von der Hölle freihandeln. Er muss lediglich den Herren preisen, einen Vergebungsschein kaufen und sich mit Leib und Seele zu ihm, dem allmächtigen Gott, bekennt.«
»Seid ihr etwa auch Händler, denn es kommt mir so vor, als ginge es auch euch immer darum, etwas zu verkaufen?«, fragte Silias, »erst das Buch, nun diese Scheine.«
»Wir sind keine Händler, alleine diese Unterstellung ist bereits eine Sünde und verlangt nach Buße.«
»Aber wir haben kein Geld.«
»Wir werden schon etwas finden, was als Ersatz dienen könnte, um Gott gnädig zu stimmen.«
»Na, wenn das so ist, dann haben wir ja Glück«, entgegnete Zoey und je mehr DIE von ihrem Glauben erzählten, umso interessierter wurden die Alphantianer, schauten sich immer wieder zustimmend an und nickten sich zu. Allmählich verstanden sie und waren sich einig. Sie begannen im Chor zu rufen:
»Ja, lobet den Herren! Das ist eine tolle Sache, das gefällt uns.«
»Ja, sowas haben wir gebraucht.«
»Da lässt sich was Tolles draus machen!«

***

Zoey zog aus und schaffte es, die umliegenden Dörfer für diesen neuen Ein-Gott-Glauben zu begeistern. Dafür wurde beschlossen, das Amphitheater so herzurichten, dass es als Gotteshaus dienlich sein würde. Das Theater lag im Zentrum von Alphantis und war gut von allen Dörfern aus zu erreichen. DIE hielten es für eine perfekte Übergangslösung, bis ein großes Gotteshaus gebaut werden würde. DIE unterstützten die Bewohner bei ihrer Tätigkeit. Sie zeigten, wie ein Altar auszusehen hat und holten einige Gottesstatuen aus ihrem Flugschiff und verteilten sie auf der Bühne. Nach ein paar Tagen war es so weit. Kein Platz im Theater blieb am ersten Gottesdienst frei. Dieser begann damit, dass DIE verkündeten, warum der Mensch auf der Welt ist und was er zu leisten hat. Im weiteren Verlauf wurde alles aufgezählt, was laut Gottes Buch Sünde sei. Bis plötzlich einige Alphantianer die Bühne betraten.

Wie es die alphantische Theaterkunst verlangte, improvisierten sie das ganze widersprüchliche Verhalten der DIE. Die Schauspieler in ihren Rollen als Priester oben auf den Sänften predigten ein bescheidenes, demütiges Leben zu führen und machten das Gegenteil. Von oben blickten sie auf ihre Untertanen herab, die nicht aufhörten, sich gottesfürchtig zu verneigen. Die Priesterschauspieler ließen verlauten, dass jedes Volk eine göttliche Führung benötigt und für diese Aufgabe seien sie von Gott auserwählt. Dazu gehört, dass ihnen gegenüber den normalen Menschen eine andere Behandlung zustehe; sie hätten Privilegien.

Die Schauspieler stiegen von ihren Sänften herab, begaben sich unter das einfache Volk und riefen lauthals: »Preiset dem Herren, dem allmächtigen Gott.« Nebenbei sammelten sie Gelder ein und verteilten Vergebungsscheine gegen Bezahlung. Gerne auch im Vorfeld, so hatte dann der Erwerber eine Sünde frei. Das Publikum begann Beifall zu klatschen. Das offenkundige widersprüchliche Verhalten machte es unmöglich zu glauben, dass DIE es ernst mit ihrem Glauben und dem, was sie von sich gaben, meinten.

Aber das sollte noch nicht alles sein. Des Weiteren ging es in dem Theaterstück um einen Ort, der Hölle genannt wurde und einen Teufel, der dort anscheinend das Sagen hatte. Die Schauspieler sündigten und wurden letztendlich unter Peitschenschlägen dem Teufel vorgeführt. Die Menschen starben qualvoll im Fegefeuer. Menschen wurden umgebracht, weil sie den Glauben an den Ein-Gott nicht annehmen wollten.

***

DIE waren entsetzt und rannten davon. Sie fühlten sich hintergangen. Sie wurden zum Narren gehalten. Doch DIE erkannten nicht, dass es den Alphantianern ernst mit der Aufführung war. Dies war ihre Art, Dinge, die sie nicht so recht verstanden und für nicht wirklich nützlich empfanden, in die Kunst zu bringen. Gerade wenn ihr Gespür ihnen mitteilt, dass es sich sehr wahrscheinlich um etwas handelt, was auf lange Sicht Unheil verbreitet, auch wenn es den Anschein hatte, dass der Kerngedanke etwas Gutes verbarg.

Wutschnaubend stampften DIE zu ihrem Flugschiff und hoben dabei drohend die Arme:
»Das werdet ihr bereuen, ihr werdet schon sehen, wo ihr bei eurer Lebenseinstellung landen werdet. Das wird ein Nachspiel haben.«
Nach diesem Abschied wurden DIE in Alphantis nie wieder gesichtet. Doch ihr Ein-Gott-Glaube blieb auf der Bühne von Alphantis auf ewig erhalten. Immer wieder wurden diese Elemente in der Kunst verarbeitet. Ihre Kunst war in ihrem Tun zu finden. Alles war für sie Kunst. Kunst ist spielen, egal ob auf der Bühne, dem Feld oder in den Bastelstätten.

Ende der fünften Alphantis-Episode, in der DIE kamen, um Alphantis ein profitorientiertes Glaubenssystem zu bringen.

Geschrieben 2026

Mehr zu Alphantis und der -tis Trilogie gibt es hier.

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