Alphantis – Episode 2

Alphantis – Das Erstland, im Zeitalter der Kunst

Eines Tages kamen Himmelsreisende mit einem Flugschiff nach Alphantis. Sie landeten außerhalb des Dorfes Xsaxus auf einem brachliegenden Acker und verließen ihr Raumfahrzeug, um sich sogleich alles genau anzuschauen. Die Außerphantisten bewegten sich hintereinander im Dauerlauf. Sie trugen einheitlich weiße kurze Hosen und blaue kurzärmlige Hemden mit Nummern auf dem Rücken. Sie grüßten freundlich die Menschen, denen sie begegneten und die Bewohner nickten mit einem Lächeln zurück. Schließlich lief den Fremden ein Mädchen über den Weg, und die Besucher hielten es an: »Guten Tag, mein liebes Kind.«
»Einen schönen guten Tag, werte Gesellschaft, ich bin Ariana und wer seid Ihr?«
»Wir sind DIE und neu hier in der Gegend. Wir kommen von sehr weit her und möchten gerne wissen, wo sich hier die Sportanlagen und die Stadien befinden.«
»Sowas haben wir nicht«, antwortete Ariana.
»Nein, wo haltet ihr denn eure sportlichen Wettkämpfe ab?«
»Was sollen wir kämpfen?«
»Na, euch untereinander messen in einem ehrlichen Wettkampf. Kennt ihr etwa nicht dieses Bedürfnis? Dieses steckt doch in jedem«, fragten DIE ganz verständnislos.
»Och«, machte Ariana, schaute in den Himmel und kratzte sich am Kinn, »ich glaube, in uns steckt sowas nicht drin.«
»Aber was macht ihr denn in eurer Freizeit? Was sind eure Hobbys?«
»Freizeit? Hobbys?«
»Ja, was macht euch Spaß, bereitet euch Vergnügen?«
»Das Leben!«, entgegnete Ariana kurz.
»Das Leben?« Diese Antwort versetzte DIE in Staunen, »nur das? Wir wollen und können das nicht so recht glauben! Du veralberst uns doch?!«
»Veralbern? Wieso sollte ich albern sein?«
»Es muss doch für euch mehr geben als das Leben, da gehört doch noch viel mehr zu?«
»Mehr als das Leben?«
»Gut, vielleicht haben wir uns da missverstanden, es ging ja um eure Freizeit im Leben, wie gestaltet ihr diese?«
»Aber was ist Freizeit, das bedeutet doch letztendlich, dass es eine Zeit geben muss, die nicht frei ist. Aber bei uns ist Zeit nicht eingesperrt, sie ist Tag und Nacht frei.«
»Dann wollen wir anders fragen, was macht ihr denn so den lieben langen Tag?«
»Wir spielen, basteln, gehen ins Theater, malen … all so tolle Sachen halt.«

***

So richtig kamen DIE mit dem Mädchen nicht weiter und verabschiedeten sich von ihr. DIE machten sich weiter auf den Weg und sprachen mit den Leuten aus dem Dorf und versuchten, diese für Wettkämpfe zu begeistern. Einigen gefiel die Idee und es wurde im Gremium beschlossen, das Amphitheater für einen sportlichen Wettkampf herzurichten. Als die Tätigkeiten dafür begannen, versuchten DIE von den Bastelstätten Sponsorengelder zu bekommen. Dies müsse sein, um Werbebanner aufstellen zu können. Betonten DIE.
»Von Werbung haben wir schon einmal gehört«, erinnerte sich Zoey, die rothaarige Dorfvorsitzende des Gremiums, »das ist doch etwas, das uns sagen soll, was wir kaufen sollen, da wir es brauchen. Ja, das taucht immer wieder bei uns im Theater auf. Es ist echt witzig. Gerade für uns, die doch alles haben.«

Nach drei Stunden gaben DIE es auf und mussten einsehen, dass sich hier kein Geschäft mit Werbung machen ließ. Dann blieben ja noch die Sportwetten … so dachten DIE. Doch auch diese Geldeinnahmequelle sollte nicht so recht sprudeln, da sich herausstellte, dass die Alphantianer nichts besaßen, was für DIE als Wetteinsatz interessant war. Denn weder von Geld noch von Gold war weit und breit etwas zu sehen. Nun gut, dachten DIE, Hauptsache gewinnen, das ist doch auch ein schöner Lohn.

***

DIE trafen sich in den einzelnen Orten auf dem Dorfplatz mit den ausgewählten Bewohnern, die an den Spielen teilnehmen wollten. Dort erklärten DIE, dass es acht Mannschaften geben wird, die gegeneinander spielen. Der Verlierer scheidet aus, bis am Ende zwei Mannschaften für das Endspiel übrig bleiben. Jede der Mannschaften bekommt einen DIE als Trainer. Diesem liegt viel daran, das seine Mannschaft gewinnt, denn das wäre ja letztendlich sein Verdienst und er würde den Profit einstreichen. Doch die Trainer erkannten schnell, dass es die Leute nicht so richtig ernst nahmen. Sie hatten kein richtiges Verständnis dafür, keinen Siegerwillen, sie alberten rum, es fehlte der nötige Ernst. DIE wollten schon aufgeben, allerdings kam das für DIE nicht in Frage. Aufgeben war gleichgesetzt mit einer Niederlage. Die Spiele mussten um jeden Preis stattfinden.

***

Dann war der große Tag da, das Turnier sollte beginnen. DIE waren sehr angespannt, denn jeder wollte natürlich, dass seine Mannschaft die Siegertrophäe nach Hause bringt. Das Theater war bis zum letzten Platz besetzt, es hatte sich rumgesprochen, dass eine neue Art von Theateraufführung stattfinden sollte. Kurz bevor die Eröffnung begann, tauchten aus jeder Mannschaft zwei Spieler bei DIE auf. Unter ihnen befand sich die Dorfvorsteherin von Xsaxus, die als erstes das Wort ergriff: »Wir müssen ehrlich zu euch sein, das Ganze ist ja recht spaßig, aber wir verstehen den Sinn mit dem Gewinnen immer noch nicht so ganz.«
»Das ist doch nun wirklich nicht so schwer zu verstehen, ihr müsst euch nur nach dem galaktischen Motto richten: Gewinnen ist das Ziel, besser sein als die anderen! Verlieren ist was für Schwächlinge, nur der Gewinner zählt. Alle anderen sind nichts wert. Egal worum es geht, es geht im Leben immer um Gewinnen und Verlieren. Um Sieger und Besiegte. Alles andere hätte doch gar keinen Sinn. Das ist das Leben … es geht ums Gewinnen! Um die Macht des Stärkeren. Das ist im Handel, also der Wirtschaft und ganz besonders im Sport so. Gerade dieser vereint diese beiden Systeme.«
»Das mag sein, dass das bei euch so ist, aber bei uns kennen wir das nicht. Wenn wir irgendwas machen, haben immer alle etwas davon, wir sind letztendlich alle Gewinner … so würdet ihr das dann wohl nennen, also in euren Augen«, sagte Silias, der auch in einer Mannschaft spielen wollte.
»Darum haben wir etwas verändert«, begann Felina, »und zwar zum einen das Spielfeld. Doch kommt mit und seht es euch an.«

Auf dem Bühnenplatz des Amphitheaters staunten DIE über die zwei Tore, die von ihrer ehemaligen Größe so verkleinert wurden, dass gerade mal vier Bälle gleichzeitig nebeneinander hineinpassen würden. So gab es auch keine Torwarte mehr. In den ursprünglichen Toren konnten sieben Männer nebeneinander zwischen den Pfosten stehen, und wenn sie die Arme in die Luft gereckt hätten, würden sie die obere Torlatte mit den Fingerspitzen berühren. DIE schüttelten nur den Kopf. Was sollten sie auch tun? Sie beschlossen, sich an den Spielfeldrand auf den Bänken zu setzen, um zu sehen, was nun geschieht. Zu ihrem Erstaunen gab es anscheinend zwei Schiedsrichter, oder wie sie während des Spiels feststellten, Torzähler, denn zu schiedsen gab es nichts; keine Fouls. Es war regelrecht langweilig für DIE. Denn im Gegensatz zu den Dorfbewohnern, feuerten diese ihre Mannschaften von je neun Spielern und Spielerinnen energisch an. Dabei hatte eine Mannschaft, die Mannschaft, in der alle rote Haare hatten, den roten Ball, und die anderen mit den braunen und blonden Haaren bewegten einen braunen Ball. Auf diese Weise wussten die Zuschauer, welcher Ball zu welcher Mannschaft gehörte. Die Mannschaften nach der Haarfarbe zu sortieren, war der Vorschlag von DIE. Allerdings war das mit den zwei Bällen nicht vorgesehen.

Jedes Mal, wenn ein Ball durch eines der Tore rollte, brach die Menge in großen Jubel aus. Es gab eine etwa fünf Meter entfernte Linie, von der aus geschossen werden durfte. Erst wenn jeder Spieler einer Mannschaft mindestens einmal den Ball berührt hatte, durfte auf das Tor geschossen werden. Startpunkt war das gegenüber liegende Tor. Wurde vorbeigeschossen und der Ball landete hinter oder neben dem Tor, musste wieder neu gestartet werden. Das verursachte ein heilloses Durcheinander, da die Mannschaften um die gegnerischen Spieler herumspielen mussten. Der Ball vom Gegner durfte dabei nicht berührt werden. Es gab eine vorgegebene Spielzeit von zweimal zwanzig Minuten. Zudem mussten die Spieler immer in Bewegung bleiben; keiner durfte stehen. Der Gewinner war am Ende – und das zur Verblüffung von DIE – der Ball, der in dieser Zeit am häufigsten in seinem Tor gelandet war. Ein Ball gewinnt das Spiel? So etwas hatten DIE noch nie gehört. So etwas Verrücktes! Nein, das war zu viel für sie. Für die Leute von Alphantis war es die natürliche Schlussfolgerung, denn schließlich ist der Ball ins Tor gerollt und kein Mensch.

***

Jetzt verstanden DIE – beziehungsweise verstanden sie gerade nicht. Sie sahen lediglich klagend ein, dass es hier an diesem Ort, ja in ganz Alphantis keine Möglichkeit gab, ihren Ehrgeiz nach dem Sieg und dem dazugehörigen Profit zu stillen. Darum bestiegen sie eiligst ihr Flugschiff und kamen nie mehr zurück. Doch für die Alphantianer hatte sich ihr Kunstspektrum um eine neue Attraktion erweitert. Die Kunst gab ihnen die Möglichkeit, etwas zu spielen, bei dem etwas gewonnen werden konnte, ohne dass jemand verlor. Dies nannten sie Torball. Später kamen sie auf eine Variante, bei der nur die Hände benutzt werden durften. Der künstlerische Einfall der Alphantianer kannte keine Grenzen, und so folgten weitere Spiele wie Korbball, Schlägerball und Rollball, aber auch andere Kunstwettkämpfe wurden entwickelt. Da gab es den Wettlauf, bei dem der Zeitabstand zwischen den Zieleinläufen gewann, beim Hochsprung die Stange, wenn sie es schaffte, liegenzubleiben, und beim Weitwurf gewann das Differenzmaß.

Ende der zweiten Alphantis-Episode, in der DIE kamen, um Alphantis ein profitorientiertes Wettkampfsystem zu bringen.

Geschrieben 2026

Mehr zu Alphantis und der -tis Trilogie gibt es hier.

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