Alphantis – Episode 7

Alphantis – Das Erstland, im Zeitalter der Kunst

Eines Tages kamen Himmelsreisende mit einem Flugschiff nach Alphantis. Sie landeten außerhalb des Dorfes Xsaxus auf einem brachliegenden Acker und stürmten in Marschformation, also einer geordneten beziehungsweise strukturierten Anordnung, aus ihrem Raumfahrzeug, um sich sogleich alles genau anzuschauen. Sie trugen einheitliche Tarnfleckenbemusterte Kleidung, die Füße steckten in schwarzen, groben, aber dennoch auf Hochglanz polierten Schnürstiefeln und olivgrüne Stahlhelme krönten ihre Köpfe. Vor ihren Körpern hielten sie Sturmgewehre, bereit zum Anlegen.

Der Trupp rannte durch die Wohnanlage von Xsaxus, über den Marktplatz, weiter zu den umliegenden Einrichtungen bis hin zu den Feldern und Tierstätten. Sie bewegten sich unter größter Behutsamkeit, immer darauf bedacht, in Deckung gehen zu können. Doch es gab keine Veranlassung für DIE dazu, denn nirgendwo trafen sie auch nur auf eine Spur der Dorfbewohner; alles war menschenleer. Die einzigen Lebewesen, denen sie begegneten, waren die Tiere in ihren Behausungen und einiges Wild, welches sich im Wald bewegte. DIE marschierten weiter ins Landesinnere, bis plötzlich Stimmengewirr durch die Bäume drang. In Habachtstellung bewegten DIE sich weiter in Richtung des Getöses, bis sich der Wald lichtete und DIE vor dem Freilichttheater standen. Dieses schmiegte sich malerisch an den Fuß eines majestätischen Felsens, welcher eine natürliche Kulisse darstellte. Die sorgfältig geschwungene Tribüne, die von der Sonne golden angestrahlt wurden, luden die Zuschauer ein, sich in eine Welt voller Geschichten und Emotionen zu begeben.

***

Auf der Bühne schwenkten einige Schauspieler Fahnen und hielten Plakate hoch. Weitere Schauspieler warfen mit Geld um sich, und andere trugen weiße Kittel, hatten Stoff vor dem Mund und es sah so aus, als untersuchten und operierten sie Schauspieler, die Kranke simulierten. Eine andere Schauspielgruppe in schwarzen Roben schleppte einen wie ein König Gekleideten in einer Trage über die Bühne. Es herrschte ein heilloses Durcheinander, wobei die rauen Felswände die Stimmen und Geräusche der Darsteller wie ein Sprachrohr zu den Zuschauern trugen.

DIE setzten sich in Marsch und rannten die breite steinerne Treppe, welche sich zwischen den Tribünen befand, hinunter auf die Bühne. Doch noch ehe sie sich richtig positioniert hatten, sprangen das Publikum auf und eilten ebenfalls nach unten und drängten DIE so zusammen, dass diese handlungsunfähig wurden. Es war offensichtlich, dass dieser Auftritt der Ankommenden nicht zum Theaterstück gehörte. DIE schauten verwirrt und hektisch umher. Zoey bahnte sich einen Weg durch die Menge und als sie DIE erreichte, gebot sie den Bewohnern von Alphantis etwas Platz zu machen und sprach:
»Besucher, seid herzlich willkommen! Wir freuen uns, euch hier in unserer Mitte begrüßen zu dürfen. Was können wir für euch tun?«
»Wir … also … haben den Auftrag … wo ist eure Armee? Uns wurde gesagt, dass es hier von Widerständlern nur so wimmelt und …«, stotterten DIE, »… und hier nur noch kämpfend … etwas zu erreichen ist. Also, wir sind hierher befohlen worden, um Krieg zu machen!«
»Also eins nach dem anderen!«, entgegnete Zoey, »ihr wollt also Krieg? Warum überspringen wir das nicht und ihr ergebt euch gleich?«
»Was? Wir ergeben … kampflos … niemals!«
»Na gut, dann ergeben wir uns eben.«
»Wie? Also, so geht das nicht … oder doch? Ihr wollt euch wirklich ergeben?«
»Von ganzen Herzen. Wir sind alles Widerständler, denn wir widerstehen allen Bedrohungen, die uns entgegengebracht werden. Solche, die unser persönliches und gemeinschaftliches Wohlergehen gefährden wollen.«
»Doch wie macht ihr das, ohne Armee?«
»Wir leisten Widerstand, indem wir uns nicht widersetzen, nicht gegenangehen, sondern alles nehmen und in die Kunst hineinspielen. Ihr habt es eben doch auf der Bühne gesehen und wo befinden wir uns gerade mit euch, die ihr Krieg führen wollt?«
»Wir? Na hier auf der Bühne mit euch im Theater. Wo denn sonst?«
»Richtig! Auf der Bühne. Auf der Bühne, die für den Krieg gemacht ist und wir haben uns ergeben. Und schon herrscht wieder Frieden.«
»Frieden … Frieden«, jubelten die Alphantianer und umarmten DIE.
»Nein, nicht so schnell! Es herrscht Krieg und da muss gekämpft werden. Krieg ist kein Volksfest. Verstanden!«
»Gerne, wenn ihr wollt, können wir vorher Krieg mit euch hier auf der Bühne spielen. So wird diese zum Kriegsschauplatz.«
»Aber das ist doch Blödsinn?«
»Warum Blödsinn? Nur so geht Krieg!«
»Nur so? Hier auf der Bühne?«
»Ganz genau, ihr habt es erkannt. Denn das ist der Ort, wo der Krieg hingehört. Das Schlachtfeld ist die Bühne.«
»Das ist aber nicht so ganz richtig, denn das oberste Gebot der Kriegsführung besagt, dass die Eroberung von feindlichem Gebiet, also eines Landes, immer den Endsieg bringen muss. Und nur das gibt diesem Ganzen einen Sinn.«
»Erobern braucht ihr nichts, denn von wem wollt ihr was erobern? Denn was keinen Besitzer hat, kann nicht erobert werden.«
»Was soll das heißen? Gehört das Land nicht euch?«
»Wie kann uns Menschen Land gehören? Land, welches sich selbst gehört und alles eigenständig in Zyklen und im Fluss regelt? Es ist alles Natur und Natur kann nicht vereinnahmt werden. Wir können uns ihr nur fügen, uns ihr anpassen und bescheiden ihre Gaben annehmen. Kommt doch mit in unser Dorf und esst mit uns und findet den Frieden in euch. Denn Frieden auf Erden kann es nur geben, wenn jeder einzelne Mensch den inneren Frieden mit sich selbst gefunden hat. Lieb sein bringt Liebe hervor, mit der es keinen Krieg geben kann.«

Da trat Ariana aus der Menge in die Mitte des Kreises und sprach:

Wo Frieden wohnt im Inneren, tief und rein,
strahlt er heller als alles, was je mag sein.
In sanften Wellen breitet sich sein Licht,
durchdringt die Welt und kennt die Grenzen nicht.
Sein Glanz verbindet Herzen, nah und fern,
wie ein stiller Ruf aus eines Himmels Stern.
Er trägt die Hoffnung über Raum und Zeit
und wächst empor in die Unendlichkeit.

***

DIE kamen mit Waffen, um zu erobern und den Weg für die vorherigen DIE zu ebnen, damit diese letztendlich doch noch ihre Ideologien durchsetzen hätten können. Doch die Einwohner von Alphantis stumpften die ihnen entgegengebrachten Gewaltversuche ab, bevor DIE handeln konnten. Die Menschen ergaben sich freiwillig und organisierten ein Fest, sodass DIE gar keine Gelegenheit bekamen, ihre Waffen einzusetzen. Die Waffen, die noch am selben Tag in die Schmiede gebracht wurden, wo sie schnellstmöglich zu nützlichen Werkzeugen und Skulpturen verarbeitet wurden.

DIE wurden, ohne dass sie es richtig realisiert hatten, in die Gemeinschaft von Alphantis aufgenommen; sie wurden von den Bewohnern regelrecht absorbiert. Ihrer Gewalt wurde mit Einladung begegnet, sie konnten ihre Waffen nicht einsetzen, es gab keine Armee, gegen die sie hätten kämpfen können. DIE erkannten, was es bedeutet zu teilen und das genug von allem vorhanden ist. DIE stellten fest, dass Kämpfe um Macht, um andere zu unterdrücken und auszubeuten, keinen Sinn in sich tragen. DIE begannen auf einmal alles zu hinterfragen, was ihnen ihr Leben lang eingebläut wurde. Bei ihnen war das Leben der Menschen so ausgerichtet, als seien sie Maschinen. Die Schulung, das Wirtschaftssystem und das Arbeiten. Selbst der menschliche Körper wurde wie eine Maschine gesehen und behandelt. Alles war durchstrukturiert von wenigen für viele. DIE mussten sich eingestehen, dass das Leben, wie es hier in Alphantis existierte, das wahre, wahrhaftige natürliche Leben sei.

DIE blieben für immer in Alphantis. Sie warnten allerdings, dass, wenn sie nicht wieder zurückkehren würden, eine weitere Bedrohung Alphantis aufsuchen würde. Denn ER wird kommen! Er, der Mächtigste, der überall seinen Willen durchsetzt. ER, der immer auftaucht, wenn alle anderen versagen. ER wird kommen, mit seinen Gefolgsleuten und einer Methode, der sich keiner widersetzen kann. ER, der hinter den Reihen geht und über allem steht.

Ende der siebten Alphantis-Episode, in der DIE kamen, um mit Waffengewalt die angestrebten profitorientierten Systeme durchzusetzen. Doch die Waffen schwiegen und am Ende merkten DIE, dass sie gekommen waren, um in Frieden zu bleiben.

Geschrieben 2026

Mehr zu Alphantis und der -tis Trilogie gibt es hier.

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