Wenn es nach der WUK Gruppe geht, diese Vereinigung der Weltuntergangsklimathisanten, die sich seit einigen Monaten aktiv der katastrophalen Klimawandlung entgegenstellt, hat einen Antrag veröffentlicht, in dem sie eine neue Zeitrechnung fordert.
Die Organisation, die europaweit Millionen von Anhängern auf rasante Weise scheffelte, wurde von einem Kind ins Leben gerufen. Dieses unglaubliche menschliche Wesen gibt auf jede nur erdenkliche essenzielle Lebensfrage die erleuchtende Antwort und wird bereits mit Größen wie Jesus verglichen. Politiker, Wissenschaftler und die Bevölkerung ganzer Länder pilgern in Scharen zu dem Menschenkind, um sich dessen weisen Rat zu erbitten.
Aus diesem Grund sieht sich die WUK auch in naher Zukunft als einzige weltweit anerkannte Religionsgemeinde und besteht nun laut Antrag darauf, dass es am nächsten Neujahrstag heißt: 2019 ist tot, es lebe das Jahr 1. Die Prophezeiung des Kindes besagt, dass nur so eine sofortige und radikale Entsorgung der Altlasten möglich sei. Da sich ja bekanntlich vor der 1 die 0 befindet und 0 nichts ist, kann also bei 0 nichts gewesen sein, demzufolge sind alle Krisen überwunden und es kann ein toller Neustart geschehen.
Um diese Sensation in die gesamte Welt zu tragen, reist das Neu-Jesus-Kindchen unermüdlich von Talkshow zu Talkshow. Zudem sind T-Shirt, Sweatshirt (mit und ohne Kapuze), Mützen, Caps, Becher, Feuerzeuge, Smartphonehüllen, Autoaufkleber und und und, halt alles, wo das niedliche Gesichtchen des Neu-Jesus-Kindchens raufpasst, auf dem Markt.
Und damit nicht genug. Das Buch „Die Szenenoffenbarung“ wird sehnsüchtig erwartet, welches jetzt schon als das „Neu Neue Testament“ gehandelt wird. Dieses Werk kommt als schönes Hardcoverbuch inklusive Hochglanzfotos auf den Markt, nebst CD und eBook – die Verfilmung ist in Arbeit. In diesem Machwerk wird das Neu-Jesus-Kindchen seine Thesen preisgeben und die ganze Wahrheit über alles, was auf der Welt schiefgelaufen ist, informieren. Es erfolgt in schonungsloser Deutlichkeit der radikale Befehl: Tut endlich was! Das Kind wurde in den letzten Wochen mit Anerkennungspreisen überhäuft und eine Automarke will ein Elektroauto herausbringen unter dem Label „Jesus-Kind-Edition“. Der Friedensnobelpreis ist ihm sicher und der Literaturpreis wird mit großer Wahrscheinlichkeit folgen.
Was bleibt abschließend noch zu sagen? Nur so viel: Gott ist tot und die Hölle hat als Angstmacher ausgedient – Schade! Es lebe die neue Angst, die Klimaangst – Hurra! Die wie jede Angst durch hysterische Massenansammlungen erblüht.
Es bedarf immer eines großen Führers, damit etwas Großes passiert … doch in welche Richtung es dann geht, das ist zumeist erkennbar, will aber nicht gesehen werden.
Geschrieben 2019
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Roy Reynolds griff routiniert zur Flasche, drehte den Deckel ab und goss den Whisky in das Glas zu den Eiswürfeln. Er stellte ihn zurück auf den Tresen der Wohnzimmerbar, nahm das Getränk und ging hinüber zur Glasfront, öffnete die Schiebetür und betrat den Granitboden der Terrasse. Er schaute hinüber zum Schwimmteich und ließ seinen Blick weiter über den parkähnlichen Garten schweifen. Er sog die frische, feuchte Abendluft des Frühlings intensiv ein, um anschließend von dem achtzehn Jahre alten Whisky einen tiefen Schluck zu nehmen.
Roy starrte auf das Glas in seiner Hand, in dem die Eiswürfel am Boden klimperten. »Na, meine kleinen Freunde, wollt ihr wieder schwimmen?«, murmelte er und ging zurück ins Haus. Mit der noch offenen Flasche kam er zurück und setzte sich mit ihr an den Gartentisch. Nachdem der vierte Whisky in seinem Innersten verschwunden war, wurde ihm klar, wie dieses Ritual in den letzten Jahren zur Gewohnheit geworden war, und dass er dabei immer mehr Gläser leerte. Dieses Verhalten betraf nicht nur die Abende, denn bereits die Morgenstunden waren betroffen, an denen keine Termine für den Tag eingetragen waren. In solchen Fällen öffnete er vor dem Frühstück eine neue Flasche.
Roy musste sich eingestehen, dass seine Zeit abgelaufen war. Darauf deuteten unter anderem auch die immer seltener gefüllten Postboxen hin, in denen die Anfragen lagen, genauer gesagt die Bettelbriefe von Menschen, die in seiner Show auftreten wollten. Diese hatte er beziehungsweise seine Produktionsfirma in den vergangenen zwei Jahrzehnten massenhaft erhalten. Und nicht nur die Anzahl der Briefe ging zurück, auch die Anzahl der E-Mails schrumpfte auf eine überschaubare Menge, und für seine Fan-Post benötigte er niemanden mehr, der diese bearbeitete. Vorbei war die Zeit, dass es hieß: »Wer bei Roy in der Show auftritt, der hat es geschafft«. Und so war es auch. Alles, was Rang und Namen hatte, tauchte als Gast in Roys Late-Night-Show auf, die von montags bis freitags ausgestrahlt wurde.
Roy – der Late-Night-Dino, wie ihn die Medien und die Newcomer der Branche nannten. Allmählich zeigte sich, dass die nächste Generation von Sprücheklopfern herangewachsen war und auf ihre Chance lauerte. Junge Typen beiderlei Geschlecht, die zudem noch gut aussahen, beherrschten die Mattscheibe und das Internet. Nun waren es ihre, nicht mehr seine Sprüche und Witze, die die Menge begeisterten und Trends setzten.
Er und ebenso seine zumeist provokanten Sprüche galten als Kult, doch für ihn waren sie nur Gewohnheit. Und diese Gewohnheit war es auch, die seine letzten Fans vor die Fernseher trieb. Alles war nur noch Gewohnheit, auf beiden Seiten. Er moderierte seine Show aus Gewohnheit, und die anderen schauten aus Gewohnheit zu. Doch allmählich machte er sich Gedanken darüber, wie lange er noch an diesem Format festhalten sollte. Sollte er warten, bis der Sender ihm sagt: »Roy, du warst gut, es war eine nette Zusammenarbeit. Ach übrigens, ich möchte dir jemanden vorstellen.« Und dieser jemand würde dann einer oder eine von diesen jungen hippen Typen sein, die gerade am Durchstarten sind.
Doch der einstige Late-Night-King wollte nicht in Selbstmitleid und Depressionen vergehen, und als ihm an diesem Spätabend bewusst wurde, dass er auf bestem Wege dahin sei, geriet er in Panik und wollte nicht, dass alles damit endet, dass das Einzige, was noch von ihm in den Medien berichtet wird, seine Alkoholexzesse sind … die er bis jetzt noch geheim halten konnte. Dann schon lieber gar keine Schlagzeilen als solche. So, wie es bei vielen seiner Kollegen der Fall ist, die sich im Show-Geschäft bewegen.
Wenn es nur nach dem Geld ginge, so hätte Roy schon vor Jahren aufhören können, doch die Sucht nach dem Scheinwerferlicht, die Befriedigung des jubelnden Publikums trieben ihn an, auch wenn das alles immer weiter zurückging; ja, es kam ihm sogar vor wie Mitleidsbekundungen. Vorbei war die Zeit, als zusätzlich zur Show große Werbeverträge mit ihm abgeschlossen wurden und er die gigantischsten Medienevents moderierte.
Doch einfach aufhören wollte Roy nicht, denn zu groß war die Liebe zur Bühne. Er musste sich eingestehen, dass es an der Zeit war, eine Entscheidung zu treffen, wenn er nicht die Sucht des Rampenlichts mit der Alkoholsucht tauschen wollte. So wollte er auch nicht darauf warten, bis die Bosse des Senders ihm ein Gnadenbrot zuwerfen und ihn ab und zu auf die Weide stellen, wie ein ausgedientes Spitzenrennpferd. Denn das war er einst: das beste Pferd im Stall der Unterhaltung. Wer auf ihn setzte, gewann. Dann schon eher hinter der Bühne als Produzent; ja, das wäre eine Alternative. Er kannte das gesamte Spektrum eines wahren Unterhaltungskünstlers. Er sang, machte Stand-up-Comedy, spielte Sketsche, war an einigen Filmen als Schauspieler beteiligt, wusste, was und wie man wem die richtigen Fragen stellte.
***
Im nächsten Meeting verkündete Roy, dass es aus seiner Sicht allmählich an der Zeit sei, sein Tätigkeitsfeld zu verändern. Er war der Meinung, dass sein Talkshowformat, ebenso wie er, abgenutzt war. Bei dieser Nachricht atmete der Chef des Senders erleichtert auf. Roy war ihm zuvorgekommen, da zum Ende des Jahres die Show abgesetzt werden sollte. Roy erzählte von seinen Plänen, selber Shows zu produzieren, und er hätte da auch schon einige zeitgemäße Ideen, die er sogleich den Anwesenden vortrug.
Es war die richtige Entscheidung, es selbst in die Hand zu nehmen und nicht zu warten, bis andere für ihn entschieden. So konnte Roy sich allmählich daran gewöhnen, dass seine Zeit vor der Kamera zu Ende ging. Er konnte langsam mit dem Entzug beginnen. Die Showbranche hatte ihn nicht geschlagen. Und es kam, wie es kommen musste: Sein Ruhm verblasste, doch er selber bekam durch seinen neuen Weg wieder Farbe.
Geschrieben 2019
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