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Kurzgeschichte – Entfremdung

Es war einmal in der Krähengasse, in der die Anwohner friedlich, freundlich und freudig gemeinschaftlich lebten. Die Sorgen und Nöte des Einzelnen wurden miteinander gelöst. Im Sommer traf man sich in den Gärten zum Grillen mit anschließendem Lagerfeuer. Die Wintermonate verbrachte die Gemeinschaft mit Spieleabenden bei Ofenwärme und Kerzenschein. Man half sich gegenseitig bei der Instandhaltung der Häuser und den Außenanlagen. Wer krank war, dessen Familie wurde bei den Einkäufen und den anfallenden Hausarbeiten unterstützt.

Es war Anfang Juli und das alljährliche Sommerfest stand vor der Tür, welches immer am dritten Juliwochenende stattfand. Dieses Fest wurde von allen gemeinsam geplant und ausgerichtet. Zu diesem Zeitpunkt ahnte noch niemand, dass es für alle Zeiten das letzte Sommerfest in der Krähengasse sein sollte.

Am dritten Wochenende im Juli zeigte sich die Sonne wie all die Jahre zuvor den gut gelaunten Bewohnern der Krähengasse bis in die späten Abendstunden freundlich. Am Freitag wurden die Tische und Bänke aufgebaut sowie die Grills im Wendehammer der Sackgasse aufgestellt. Die Carports wurden mit Girlanden und bunten Lichterketten geschmückt. Das Puppentheater für die Kleinen wurde vorbereitet sowie die Spieleolympiade für die etwas Größeren hergerichtet, bei der neben weiteren Spielen die Hauptdisziplinen aus Sackhüpfen, Eierlaufen und dem Schubkarrenrennen bestanden. Die frischen Lebensmittel wurden vom Markt besorgt und das vorbestellte Grillfleisch vom Schlachter abgeholt. Nudel-, Kartoffel-, Kraut- und grüner Salat wurden vorbereitet. Die Kinder tobten und liebten es, den Erwachsenen mal mehr, mal weniger bei den Vorbereitungen zu helfen.

Am Samstagabend, die Kleinen waren schon in ihren Betten, um sich von den Strapazen des Festtages zu erholen, erzählte E., dass die ganze Familie seit neuestem an Engel glaubt und im Keller habe man einen Raum, in dem den Engeln gehuldigt wird. E. erklärte weiter, dass Engel die Welt erschaffen haben und diese nun vor allem Übel beschützen. Die Freunde lauschten mit offenen Augen und Mündern. »Oh, ja, das klingt glaubhaft, was du uns da erzählst.« Und drei weitere Familien bestätigten, dass auch sie den Englein in tiefster Demut ergeben sind, ja, dass die Engel mit ihnen kommunizieren und auch sie hätten ein Zimmer, welches sie als »Kirche der Engel« bezeichneten.
Noch an jenem Abend verbreitete sich der Engelsglaube in der gesamten Krähengasse, bis auf wenige Ausnahmen, denn ein paar Familien waren diesem Glauben gegenüber skeptisch eingestellt. Doch sie schwiegen fürs Erste.

Am darauffolgenden Tag gab es zum Abschluss des Sommerfestes die traditionelle Kaffeetafel. Neben den Torten und dem reichhaltigen Kuchenangebot stand in diesem Jahr sogar ein Eiswagen für die Kinder bereit. An diesem Tag gab es für die Bewohner der Krähengasse nur ein Thema – die Engel. Es wurde in erster Linie darüber gesprochen, dass es ein Buch geben müsste, wo der Glaube an die Engel genau festgehalten beziehungsweise wo ein einheitliches Verhalten im Glauben an die Engel aufgeführt sei. E. wurde auserwählt, dieses heilige Werk niederzuschreiben, da E., nach Ansicht der anderen, das meiste Wissen über Engel besaß. Der Straßenname sollte von »Krähengasse« in »Engelsgasse« umbenannt werden. Zudem sollte am Anfang der Straße jeweils zu beiden Seiten eine Engelsfigur aufgestellt werden. Die anfallenden Kosten würden dann von allen Anwohnern zu gleichen Teilen getragen werden.

Das wurde nun doch für die Skeptiker zu viel und T. meldete sich stellvertretend für die anderen zu Wort und widersprach diesem Vorhaben. Denn wenn überhaupt, dann sollte die Straße in »Teufelsgasse« umbenannt werden und zwei Teufelsstatuen sollten den Straßeneingang zieren. Es gäbe schließlich einige Familien, die so gar nicht an die Englein glauben wollten, sondern der Überzeugung waren, der wahre Glaube könne nur an den Teufel gerichtet werden. Denn schließlich war dieser es, der alles auf Erden erschaffen hat und letztendlich alles in die richtigen Bahnen lenkt. T. lud die Engler ein, sich den Teufelsschrein im Hause der Familie T. anzusehen. Als die Engler dessen Altar sahen, waren sie entsetzt und betrachteten diesen sprachlos.

Am späten Nachmittag fand der Rückbau der Festivitäten statt. Dies verlief nicht wie gewohnt in der üblichen Heiterkeit, sondern es kristallisierten sich zwei Parteien heraus, von denen die einen plötzlich nicht mehr mit diesen oder jenen Anwohnern zusammenarbeiten wollten. Es wurde sich misstrauisch beobachtet und nur innerhalb der Gruppe getuschelt.

So sollte es auch von nun an in der Krähengasse weitergehen. Geholfen wurde sich nur noch untereinander in den Gruppen der Engler sowie der Teufler. Engler grüßten keine Teufler mehr und umgekehrt. Den Kindern wurde verboten, mit den Freunden aus der anderen Gruppierung zu spielen. Ja, geradezu gegeneinander aufgehetzt wurden sie, und es kam zu Prügeleien unter den Heranwachsenden, wo es zumeist darum ging, dass der eine Glaube der richtige und bessere sei als der andere.

Einige Familien hielten es nicht mehr aus und verließen ihre Häuser. Diese blieben nicht lange leer und jede Partei versuchte sofort, die neuen Anwohner für sich und ihren Glauben zu gewinnen. Doch womit weder die Engler noch die Teufler gerechnet hatten, war die Tatsache, dass einige Neue ihren eigenen Glauben mitbrachten. Den Glauben an die Geister, bei dem es darum ging, dass aus den verstorbenen Ahnen das neue Leben entsteht und diese Vorfahren das Leben der Familien beschützen und dirigieren.

Es herrschte ein ständiges Ziehen und Zerren unter den Anwohnern, alle waren damit beschäftigt, die eine oder andere Familie auf ihre Seite zu bringen. Es gab keine anderen Themen mehr und Zeit für anderes war nicht mehr vorhanden. Keine gemeinsamen Grill- oder Spieleabende mehr. Dringende Reparaturarbeiten an den Häusern wurden vernachlässigt und die Gärten verwilderten.

Es war ein regnerischer Sommertag, zu dem sich ein starkes Gewitter gesellte. Früh wurde es dunkel und in den Häusern der Krähengasse blieben die Rollläden verschlossen … an diesem dritten Wochenende im Juli.

Geschrieben 2019

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Kurzgeschichte – … und dann klingelte das Telefon

Die blonde Frau verabschiedete sich von ihren Kindern und streichelte dem Hund über den Kopf. Ihr Mann wurde im Vorbeigehen mit einem liebevollen Kuss bedacht. Der Vater und die Kinder konnten sich noch etwa eine halbe Stunde zu Hause aufhalten, ehe es soweit war, dass die zwei Kleinen in den Kindergarten gebracht werden mussten und die Große in die Schule. Anschließend ging es für den Familienvater weiter zu seiner Arbeitsstelle.

***

Ein junger Mann raste mit seinem Sportwagen über die Landstraße und kam immer näher an das vor ihm fahrende Auto heran. Ohne zu bremsen, geschweige denn den Fuß etwas vom Gas zu nehmen, setzte er an und überholte rasch noch vor der nächsten uneinsichtigen Kurve. Kurz bevor er wieder zurück auf seine Fahrbahn zog, schoss auch schon der Gegenverkehr an ihm vorbei. Er atmete tief durch und bejubelte sich, fühlte sich gut bei diesem für ihn berauschenden Gefühl. Nach der nächsten Kurve kam für ihn der ersehnte Punkt, an dem die Landstraße zweispurig wurde. Im Rückspiegel entdeckte er das Fahrzeug, welches er gerade überholt hatte, doch es wurde immer kleiner, je weiter er auf der linken Spur freie Bahn hatte und das Gaspedal bearbeitete.

Schnell war die Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h um 50 überschritten. Unbewusst spannte er seinen Nacken und die Schultern an, kontrollierte die Blitzer-App. Vor ihm auf der rechten Fahrbahn tauchten weitere Autos auf, wovon eines plötzlich ausscherte, um seinen Vordermann zu überholen. Mit seinen 150 km/h klebte der Sportwagen schnell an dem Überholfahrzeug, bremste kurz vorher ab und achtete peinlichst genau darauf, dass der Sicherheitsabstand von 2 Metern eingehalten wurde, um dem Vorfahrenden zu signalisieren, dass dieser tunlichst von der linken Spur zu verschwinden hat. Dabei spielte es keine Rolle, dass dieser bereits 10 km/h schneller fuhr als erlaubt.

***

Vor der Stadt wurde der Verkehr zähflüssiger, bis sich letztendlich alles zu einem Stau weiterentwickelt hatte. Nichts war mehr von seinem Geschwindigkeitsrausch geblieben. »Scheiße!«, fluchte er. Was sollte das? Schließlich hatte er Feierabend und wollte nach Hause. Was fuhren die anderen hier so blöd rum? Er betätigte den Knopf an der Tür und das Fenster schob sich nach unten. Er zündete sich eine Zigarette an und nahm die Dose mit dem Energydrink aus der Halterung.

Innerlich wetterte er: »Schau sie dir an, diese alten Klamotten, alles Rentner. Die haben hier im Berufsverkehr nichts zu suchen, die können doch vormittags fahren, aber nein, jetzt müssen die aus dem Haus und einkaufen.« Er drückte die Zigarette aus, nahm das Smartphone zur Hand, tippte und wischte gedankenverloren darauf herum, um letztendlich freudig festzustellen, dass der Spruch, den er bei der Arbeit gepostet hatte, bereits fünfundzwanzig Likes verbuchen konnte. Er begann etwas zu schreiben.

***

Das Martinshorn holte ihn aus dem Reich der Likebestätigungseuphorie. Genervt schaute er in den Rückspiegel. Direkt hinter ihm stand ein Rettungswagen. »Was denn, fahr doch vorbei … Idiot.« Doch der „Idiot“ konnte nicht, es war nicht ausreichend Platz. Weder auf der einen noch auf der anderen Seite. Er tippte auf Senden und legte das Handy auf den Beifahrersitz, um die Hände frei zu haben, damit er den Wagen so rangieren konnte, dass der Rettungswagen den benötigten Platz bekam.
Nach zwanzig Minuten war auch er auf Höhe des Unfallortes angekommen und hätte sofort Gas geben können, denn vor ihm löste sich der Stau rasch auf, da es wieder zweispurig wurde. Doch anstatt schneller zu werden, verlangsamte er sogar noch das Tempo und schaute zu den verkeilten Autowracks. So wie anscheinend viele vor ihm taten, was diesen langen Stau größtenteils verursachte. Rasch nahm er das Handy und machte im Vorbeirollen zwei Fotos, dann schüttelte er den Kopf: »Diese Vollpfosten, können alle nicht Autofahren.« Dann fuhr er ruhig weiter und nach ein paar Metern gab er Gas, um schnell noch über die nächste Ampel zu kommen, die gerade auf rot umsprang. Er drückte das Gaspedal durch und beachtete das Auto, welches von rechts kam und von einer blonden Frau gesteuert wurde, nicht.

***

Der Hund lag neben der Haustür, bei den Schuhen der Familie. Seine innere Uhr zeigte an, dass Frauchen bald nach Hause kommen würde. Alles im Haus deutete für ihn darauf hin. Der Mann deckte gemeinsam mit der großen Tochter den Tisch und die Kleinen spielten im Wohnzimmer. Sie warteten gespannt auf die Türklingel, um dann der Mutter zu öffnen, die keinen Schlüssel benutzen durfte, denn die Kinder taten nichts lieber als die Tür für sie zu öffnen, um sie freudig in Empfang zu nehmen. Doch an jenem Nachmittag schellte nicht die Türklingel, sondern es klingelte das Telefon. Die Türklingel in diesem Haus sollte um diese Uhrzeit für immer verstummen.

Geschrieben 2019

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Kurzgeschichte – Der Mörder und der Kommissar

Der Schein der Tischlampe durchdringt die Dunkelheit und zeichnet die Silhouetten zweier Männer. Der aufrecht sitzende Kommissar schaut auf die gekrümmte Gestalt, die ihm gegenüber sitzt und fragt mit monotoner Stimme: »Wieso haben Sie ihn getötet?« Der Angesprochene, Jack, hebt zögernd den Kopf und erwidert mit zitternden Lippen: »Wie oft soll ich es Ihnen noch sagen! Ich habe niemanden getötet!«
»Oh doch, das haben Sie, nur das Warum fehlt uns noch … Das Motiv.«
»Es gibt keins … es kann gar keins geben und auch keine Zeugin, so wie Sie behaupten, denn es ist nie passiert!«
»Kommen Sie, Jack, Sie wissen ganz genau, dass Ihre Frau Sie mit der Waffe in der Hand gefunden hat. Es war ein Kopfschuss und Sie selbst waren blutverschmiert. Zudem wurden Schmauchspuren an Ihrer Hand entdeckt und die Pistole ist auf Ihren Namen registriert.«
»Ich bestreite ja auch nicht, dass es meine ist.«
»Okay, lassen wir das fürs erste. Ist es richtig, dass Sie einen Hass auf das Opfer hatten, einen Hass, der Sie schon fast Ihr ganzes Leben begleitet?«
»Dazu will ich nichts sagen. Nein, nein«, schüttelt Jack energisch den Kopf, »lassen Sie mich doch endlich in Ruhe.« Jack hält sich die Ohren zu und schließt die Augen. Durch die Nase zieht er Luft, tief in sein Innerstes hinein und presst diese in einem kurzen Stoß wieder raus. Auf einmal nimmt er einen dumpfen Schuss wahr. Er reißt die Augen auf. »Ich bin nicht verantwortlich für diesen Tod!«, brüllt er und schlägt mit der Faust auf den Tisch, »nein, niemals war ich das!«
»Aber Sie haben es getan«, versichert der Kommissar und schaut Jack eindringlich an. Dieser wendet sich ab, konzentriert sich auf einen Punkt und auf einmal erscheinen Bilder in der Dunkelheit, erst verschwommen, dann immer schärfer werdend. Bilder, die zu einem Film werden. Eine Hand, die eine Pistole aus einer Schublade nimmt. Die zweite ergreift das Magazin und schiebt es in die Waffe, packt den Schlitten und zieht diesen zurück – ritsch – lässt ihn wieder los und dieser schnellt nach vorne – ratsch –, spannt den Hahn – klick – hebt die Waffe an und hält die Mündung an die Schläfe des Opfers … drückt ab. Er spürt den Rückstoß im Arm. Der Mann bricht nahezu in Zeitlupentempo zusammen. Aus dem Einschussloch an der rechten Schädelseite fließt Blut heraus.
»Es ist also wahr, ich habe geschossen … Sie hatten recht … alle hatten recht«, Jack dreht sich, nachdem er seine Vision gedeutet hat, zurück zu dem Kommissar, »mein ganzes Leben bestand nur aus Problemen, mit denen ich nicht fertig wurde. Ich rutschte von einer Angst in die nächste, von einer Verzweiflung in die andere, kam mit nichts richtig klar, konnte nichts … war nichts … bin nichts.«
»Sie hatten eine Sie liebende Frau.«
»Ich war nur eine Last für sie. So viel Therapien und keine Erfolge. Ohne mich ist sie besser dran.«
»Und Sie meinen, dadurch, dass Sie sich das Leben genommen haben, ist Ihre Frau jetzt glücklicher?« Jack schüttelt den Kopf, Tränen bahnten sich ihren Weg nach draußen und benässen die Wangen.
»Der Tod ist keine Lösung für die Probleme beziehungsweise die Aufgaben, die das Leben einem abverlangt. Es gibt immer einen anderen Weg, man muss ihn nur finden.«
»Ich habe ihn all die Jahre nicht gefunden.«
»Das ist leider offensichtlich. Ständig haben wir Leute hier sitzen, die immer nur Irrwege genommen haben. Solange, bis sie an dem endgültigen Punkt in einer Sackgasse angelangt sind, an dem sie für ihre Tat Rechenschaft ablegen müssen. Diese Zeit ist nun für Sie gekommen, Jack, und da Sie Ihren Mord sich gegenüber nun gestanden haben, können Sie gehen.«
Der Kommissar steht auf und begibt sich auf die gegenüberliegende Seite des Tisches. »Kommen Sie, Jack, es wird Zeit«, fordert der Kommissar und hilft dem Selbstmörder hoch, »das ist der Weg, den Sie jetzt nehmen sollten«, erklärt er und zeigt in eine Richtung. Langsam, mit schlurfenden Schritten bewegt sich Jack in das Dunkel hinein, wo er von diesem aufgenommen wird, für das, was danach kommen mag.

Geschrieben 2019

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Kurzgeschichte – Das Date, 100 Euro Episoden

Die Papierbögen mit den eingearbeiteten Sicherheitsmerkmalen gleiten durch die ratternde Produktionsstraße. Die Walzen surren, und in jeder Station entsteht mehr von dem, was außerhalb dieser Mauern den Alltag der Menschen bestimmt. Die Maschinen greifen präzise ineinander. Kein Stillstand, kein Zögern. Am Ende des Druckprozesses schneiden rotierende Klingen die Bögen in das exakte Format. Die frisch gedruckten Banknoten stapeln sich, werden geprüft, gebündelt, verpackt. Versiegelte Kartons werden auf Handwagen verladen und in den gesicherten Tresor geschoben. Schwere Türen schließen sich. Für einen Moment ist alles still. Doch nur vorübergehend. Denn schon bald werden die Kartons erneut bewegt, verladen, abtransportiert. Ein gepanzerter Lieferwagen bringt sie ins Cash-Center, von wo aus sie weiter verteilt werden. Ein Großteil der neuen Scheine gelangt über Geldautomaten hinein in das Netz des Geldkreislaufs. Sie gehen von Hand zu Hand, von Geschichte zu Geschichte.

Der Mann fingerte die Bankkarte aus dem Fach in seinem schwarzen ledernen Portemonnaie, steckte sie in den Schlitz des Automaten, welcher sie sogleich hineinzog. Der gewünschte Geldbetrag wurde über die Tastatur eingegeben. Ein Klicken ertönte und die Karte wurde wieder freigegeben. Tobias zog sie heraus und der Automat spuckte ratternd die Geldscheine aus. Tobias nahm das Bündel und begann zu zählen. Dann stockte er. Unter den abgegriffenen Scheinen befand sich eine glatte, unbenutzte 100-Euro-Note, die zwischen den anderen Scheinen auffallend fremd wirkte. Einen Moment lang blieb sein Blick an ihr hängen. Sehr sauber. Er betastete die Banknote. Sehr glatt. Dann zählte er weiter. Er hatte die verlangten 350 Euro erhalten.

Tobias verstaute das Geld im Portemonnaie und steckte es in die Innentasche seiner Winterjacke. Er verließ den Vorraum der Bank. Hinaus in die Kälte und über die Straße. Es war halb sieben am Abend, draußen war es bereits dunkel und es hatte zur Freude der Kinder schon den ganzen Tag geschneit. Sie jagten lachend über den Gehweg, warfen sich Schneebälle zu und hinterließen verwischte Spuren im frischen Schnee.

Vor dem Gebäude angekommen, klopfte Tobias seine Jacke ab und trat sich den Schnee von den Schuhen. Er öffnete die Tür. Drinnen empfingen ihn leise italienische Klänge, untermalt von einer ruhigen Gesprächskulisse und klapperndem Geschirr. Er zog sich die Jacke aus und hängte sie auf einen Bügel an die Garderobe. Riccardo kam und begrüßte den gern gesehenen Gast mit einem knappen, aber warmen Lächeln und versicherte ihm, dass alles vorbereitet sei. Tobias nahm das Smartphone nebst Portemonnaie aus der Jacke und der Gastwirt führte Tobias zu dem reservierten Tisch, der sich etwas versteckt hinter bepflanzten Raumteilern befand. Dieses separate Eckchen war für zwei Personen gedeckt und die Mitte der Tafel zierte ein Tischgesteck mit einer Kerze. Riccardo zündete sie an, Tobias setzte sich, legte Smartphone und Portemonnaie ab. Es sollte das erste Mal werden, dass Tobias an diesem Ort seine Pizza nicht alleine zu sich nahm.

Riccardo fragte seinen Gast freundlich, ob dieser schon einen Wunsch hätte. Tobias schüttelte den Kopf, er wollte warten, bis seine Begleitung eingetroffen sei. Mit einem Nicken wendete sich der Gastwirt ab. Tobias nahm das Smartphone zur Hand. Entsperrte es. Sah auf die Uhr, dann in Richtung Tür, zurück aufs Display. Es war keine Nachricht eingegangen. Also keine Absage in letzter Minute. Gut. Trotzdem war sein Unterbewusstsein nicht zufriedengestellt. Vielleicht würde sie einfach nicht kommen. Nein, sie würde kommen. Er hatte jetzt schon seit zwei Wochen täglich mit ihr im Partner-Portal geschrieben und er konnte sich nicht vorstellen, dass sie ohne Nachricht ihrem Date fernbleiben würde.

Tobias hatte die Tür fest im Blickfeld, musste sich allerdings etwas verbiegen, um diese komplett zu sehen. Dann passierte es. Sie öffnete sich. Er richtete sich auf, ein kurzes Lächeln huschte über sein Gesicht, um sogleich wieder zu verschwinden. Es waren zwei Männer, die das Lokal betraten. Nicht sie. Tobias schaute auf die Handy-Uhr. Fünf vor sieben. Noch fünf Minuten bis zum offiziellen Termin. Er bemerkte, dass seine Hand leicht zitterte und musste über sich selbst etwas schmunzeln. Ungewöhnlich. Prüfungen hatten ihn kaltgelassen. Bewerbungsgespräche auch – aber das hier?

Erneut ging die Tür auf. Eine Frau trat ein. Das ist sie, sagte er sich … oder nicht? Ein schneller Vergleich mit den Bildern aus dem Profil. Die Frau, die sich gerade den Mantel auszog und suchend den Kopf in alle Richtungen drehte. Schließlich hatte sie gefunden, wonach sie Ausschau hielt. Sie lächelte, hob die Hand und ging ans entgegengesetzte Ende des Restaurants.

Tobias zog das Smartphone näher, prüfte Mails, Datum, Uhrzeit. Alles stimmte. Er öffnete noch einmal ihr Profil. Er erwiderte das vertraute Lächeln auf dem Display und bemerkte nicht, dass plötzlich jemand an den Tisch im Separee gekommen war. Ein »Hallo Tobias« ließ ihn zusammenfahren. Leicht erschrocken schaute er vom Smartphone auf, sah sie an, schaute zurück zum Handy. Dasselbe Gesicht. Nur näher. Echter. Er stand hastig auf, schaltete das Handy aus und legte es beiseite.

Einen Moment lang sagten sie nichts. Sahen sich an. Dann ein unsicheres Lächeln, eine vorsichtige Umarmung. Er zog ihr den Stuhl zurecht. Sie setzten sich. Ein paar Worte, vorsichtig noch, tastend. Ein Wortwechsel darüber, wie schön es sei, sich nun einmal real zu sehen. Dann kam auch schon Riccardo, brachte für beide die Speisekarten und machte der Frau Komplimente. Sie bestellten als Vorspeise jeder eine Tomatensuppe und zum Hauptgang gab es Pizza und einen kleinen Salat. Dazu wurde eine Flasche Wein serviert.

Während des Essens fand ihr Gespräch schnell seinen Rhythmus. Leicht. Fließend. Als würden sie sich schon ewig kennen. Worte griffen ineinander, Pausen fühlten sich nicht leer an. Zwei Stunden später standen sie auf. Ein Spaziergang in der sternenklaren Winternacht sollte folgen. Es schneite nicht mehr. Doch bevor sie aufbrachen, ging Tobias zu Riccardo an den Tresen, bedankte sich und bezahlte die Rechnung. Er hatte seine Datepartnerin eingeladen, auch wenn sie es zuerst abgelehnt hatte. Doch dann fanden sie eine Einigung, dass sie die zweite Verabredung finanziell übernehmen würde. Riccardo überreichte Tobias die Rechnung und dieser zog den makellosen Hunderter hervor, hielt einen Moment inne. Sah auf den Schein. Er fühlte sich noch immer unberührt an. Dann legte er ihn auf den Tresen und wünschte sich, dass an diesem Abend etwas Neues in sein Leben getreten sei, das länger bei ihm bleiben würde als dieser frische 100-Euro-Schein.

Geschrieben 2019

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Kurzgeschichte – Zwiespalt der Seele

Wie ein Kometenschweif zog die Kugel den roten Lebenssaft hinter sich her, als sie aus dem Rücken des Mannes austrat. Das Projektil hatte das Herz genau getroffen und das Blut spritzte gegen die weiße Hauswand, wo das Geschoss tief in das Mauerwerk eindrang. Vincent hatte seinen Auftrag erneut mit der Akribie eines Chirurgen und der Kaltblütigkeit einer Maschine ausgeführt. Mit der Ruhe und Gelassenheit eines Faultiers schraubte er den Schalldämpfer vom Pistolenlauf und verstaute beides in der Manteltasche. Anschließend ging er zum Kofferraum des Autos und holte einen schwarzen Plastiksack heraus.

***

Die Scheinwerfer fraßen sich durch die Dunkelheit des Waldes. Vincent hatte nicht mehr weit zu fahren, dann würde er an dem ausgedienten, halb zerfallenen Krematorium, das zu einem nicht mehr benutzten Waldfriedhof gehörte, ankommen. Bei seiner Recherche zur Leichenbeseitigung war er auf die Verbrennungseinrichtung gestoßen. So einfach war es noch nie für ihn gewesen, die Überreste seiner Arbeit zu beseitigen. Das Feuer im Ofen schüren, die Leiche und das todbringende Werkzeug hineinwerfen. Dann abwarten, bis sich so ziemlich alles zersetzt hat und abhauen.

Niemals benutzte er eine Waffe zwei Mal, ebenso verhielt es sich mit dem Auto, wenn er eines benötigte. Dies war nicht immer der Fall, denn es gab auch Aufträge, bei denen er ohne Fahrzeug auskam. So zum Beispiel in einer Wohnung, wenn die Leiche an Ort und Stelle verbleiben sollte. Doch der aktuelle Job verlangte, dass der Getötete zu verschwinden hatte. Warum, das interessierte Vincent nicht. Ihn interessierten lediglich die fünfundzwanzigtausend Euro mehr, die er für diese Zusatzleistung forderte.

Vincent arbeitete überall auf der Welt, solange der Einsatzort mindestens zweihundertfünfzig Kilometer von seinem Wohnort entfernt lag. Dabei erstellte er für jeden Auftrag einen Ablaufplan, der aus drei Punkten bestand: Vor der Ausführung, während der Ausführung, nach der Ausführung. Zu jedem dieser Punkte stellte er sich die Fragen: wo, wann und wie. Erst wenn er diese Fragen zu seiner Zufriedenheit beantwortet hatte beziehungsweise ausreichend recherchiert hatte, schritt er zur Tat. Niemals ließ er sich von seinem Auftraggeber unter Druck setzen – Vincent war derjenige, der bestimmte, wo, wann und wie der Auftrag durchgeführt wird.

Falls er, wie bei seinem letzten Job, einen Wagen benötigte, besorgte er sich unter falschem Namen ein schrottreifes Auto bei einem x-beliebigen Straßenhändler. Nach Beendigung des Auftrags verkaufte er das Fahrzeug an einen ebensolchen Schrotthändler, der zudem nicht viele Fragen stellte. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln fuhr Vincent dann davon, zumeist mit einem Zug. Sobald sich darin eine Gelegenheit bot, etwa in einer Toilettenkabine, in der er ungestört den falschen Bart entfernen konnte und sich der Perücke entledigte, nutzte er diese. In dieser Situation gehörte es zu seinem Ritual, dass er dort in den Spiegel schaute, aus dem ihm sein junges Gesicht mit den kurzen blonden Haaren entgegenschien. Er senkte den Kopf. Sein Kinn berührte fast die Brust. Die Augen schlossen sich langsam. Ein tiefer Atemzug füllte seine Lungen, hielt sich einen Herzschlag lang und entwich lautlos wieder. Vor seinem inneren Blick erschien die Summe – hundertfünfundzwanzigtausend Euro.

***

Der alte Mann zog sich mühsam den Bademantel über den Schlafanzug. Seit geraumer Zeit hatte er nichts anderes mehr getragen. Der Krebs würde nicht mehr lange brauchen, bis er ihn ganz zerfressen hatte. Mit hängendem Kopf und nach vorne gefallenen Schultern schlurfte Jensen den Gang entlang, bis er am Aufenthaltsraum angekommen war. Eine junge Schwester trat gerade aus der Tür und hielt diese weit für ihn auf. Dabei wünschte sie ihm einen guten Morgen und erzählte, dass er bereits erwartet wurde. Jensen freute sich, hob den Kopf und spähte durch den Raum. Als er den großen, blonden Mann hinten am Tisch sitzen sah, huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Er richtete sich auf und schritt auf seinen Gast zu. Der Wartende erhob sich, streckte Jensen eine Hand entgegen und erkundigte sich nach dessen Befinden. Dieser erwiderte freundlich, dass es ihm so wie gestern ginge und sehr wahrscheinlich so wie morgen. Die Männer machten es sich auf den Stühlen bequem und Jensen griff nach dem Stapel Karten, der auf dem Tisch bereitlag. Er mischte sie ordentlich durch und anschließend begannen die Männer ihre Kartenpartie.

Jensens Partner war ein gern gesehener Gast im Sanatorium. Er kam zwei- bis dreimal die Woche und verbrachte ein paar Stunden mit den Patienten, die keinen Besuch erhielten. Der blonde Mann richtete sich dabei immer nach den Wünschen der todkranken Patienten. Er las denen, die sich nicht mehr rühren konnten, vor, mit den anderen ging er spazieren oder spielte mit ihnen Karten, Mühle, Schach oder worauf sie sonst Lust hatten. In vielen Fällen ging es auch nur darum, den Patienten, die einfach nur reden wollten, zuzuhören.

***

Der große Mann mit der schwarzen Ledermaske trat an das Stativ. Seine Finger fanden den Schalter der Kamera. Ein leises Klicken. Die Hand ging zum Kopf, die Maske wurde heruntergezogen. Die blonden Haare klebten verschwitzt an seiner Stirn. Die Arbeit war beendet. Nicht einmal die Schreie und die um Gnade winselnden Worte, die sein Opfer ausstieß, hatten ihn davon abbringen können, seinen Auftrag durchzuführen. Und auf die Frage, wieso er ihm das antat, bekam der Todgeweihte von Vincent nur die Antwort: »Ich werde dafür bezahlt«.

Nachdem Vincent die Folter beendet hatte, hatte er den erlösenden Kopfschuss abgefeuert. So lautete sein Auftrag. Der Mann sollte leiden, bevor er starb, und diese Leiden sollten für den Auftraggeber auf Video festgehalten werden. Warum, das war Vincent egal. Er stellte nie die Frage nach dem Warum. Ihn interessierte lediglich: Welches Risiko besteht für mich? Es gab nicht viel, was er nicht tun würde, solange die Bezahlung stimmte.

***

Gertruds Gesicht strahlte vor Freude und ihre Augen leuchteten, als sie ihrem Gesprächspartner die Ergebnisse ihrer letzten Untersuchung mitteilte. Gertrud war fünfundfünfzig und hatte ihre Krankheit fürs Erste besiegt. In ein paar Tagen würde sie das Sanatorium verlassen können. Doch zuvor wollte sie noch einmal mit dem blonden Mann die Vögel am See beobachten. Dies hatten sie im letzten Jahr, ihrem schwersten Jahr überhaupt, sehr häufig getan. Bei Wind und Wetter waren sie losgezogen, sofern ihr Gesundheitszustand es erlaubte.

Gertrud genoss die warmen Herbstsonnenstrahlen, die sich zur Erde kämpften, auf ihrem Gesicht. Sie hakte sich bei ihrem Begleiter ein und beide marschierten los. Vincent hörte Gertrud aufmerksam zu, wie sie Zukunftspläne schmiedete und dachte nicht eine Sekunde daran, dass er bereits am nächsten Tag einen Menschen töten würde, einen Menschen, den er nicht einmal kannte. Der Name, der auf seinem Auftragszettel stand, war der einer Frau.

Er war kälter als der Tod, doch kämpften sich vereinzelt warme Herbstsonnenstrahlen aus seinem Zwiespalt der Seele nach außen.

Geschrieben 2019

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Kurzgeschichte – Verblasst

Roy Reynolds griff routiniert zur Flasche, drehte den Deckel ab und goss den Whisky in das Glas zu den Eiswürfeln. Er stellte ihn zurück auf den Tresen der Wohnzimmerbar, nahm das Getränk und ging hinüber zur Glasfront, öffnete die Schiebetür und betrat den Granitboden der Terrasse. Er schaute hinüber zum Schwimmteich und ließ seinen Blick weiter über den parkähnlichen Garten schweifen. Er sog die frische, feuchte Abendluft des Frühlings intensiv ein, um anschließend von dem achtzehn Jahre alten Whisky einen tiefen Schluck zu nehmen.

Roy starrte auf das Glas in seiner Hand, in dem die Eiswürfel am Boden klimperten. »Na, meine kleinen Freunde, wollt ihr wieder schwimmen?«, murmelte er und ging zurück ins Haus. Mit der noch offenen Flasche kam er zurück und setzte sich mit ihr an den Gartentisch. Nachdem der vierte Whisky in seinem Innersten verschwunden war, wurde ihm klar, wie dieses Ritual in den letzten Jahren zur Gewohnheit geworden war, und dass er dabei immer mehr Gläser leerte. Dieses Verhalten betraf nicht nur die Abende, denn bereits die Morgenstunden waren betroffen, an denen keine Termine für den Tag eingetragen waren. In solchen Fällen öffnete er vor dem Frühstück eine neue Flasche.

Roy musste sich eingestehen, dass seine Zeit abgelaufen war. Darauf deuteten unter anderem auch die immer seltener gefüllten Postboxen hin, in denen die Anfragen lagen, genauer gesagt die Bettelbriefe von Menschen, die in seiner Show auftreten wollten. Diese hatte er beziehungsweise seine Produktionsfirma in den vergangenen zwei Jahrzehnten massenhaft erhalten. Und nicht nur die Anzahl der Briefe ging zurück, auch die Anzahl der E-Mails schrumpfte auf eine überschaubare Menge, und für seine Fan-Post benötigte er niemanden mehr, der diese bearbeitete. Vorbei war die Zeit, dass es hieß: »Wer bei Roy in der Show auftritt, der hat es geschafft«. Und so war es auch. Alles, was Rang und Namen hatte, tauchte als Gast in Roys Late-Night-Show auf, die von montags bis freitags ausgestrahlt wurde.

Roy – der Late-Night-Dino, wie ihn die Medien und die Newcomer der Branche nannten. Allmählich zeigte sich, dass die nächste Generation von Sprücheklopfern herangewachsen war und auf ihre Chance lauerte. Junge Typen beiderlei Geschlecht, die zudem noch gut aussahen, beherrschten die Mattscheibe und das Internet. Nun waren es ihre, nicht mehr seine Sprüche und Witze, die die Menge begeisterten und Trends setzten.

Er und ebenso seine zumeist provokanten Sprüche galten als Kult, doch für ihn waren sie nur Gewohnheit. Und diese Gewohnheit war es auch, die seine letzten Fans vor die Fernseher trieb. Alles war nur noch Gewohnheit, auf beiden Seiten. Er moderierte seine Show aus Gewohnheit, und die anderen schauten aus Gewohnheit zu. Doch allmählich machte er sich Gedanken darüber, wie lange er noch an diesem Format festhalten sollte. Sollte er warten, bis der Sender ihm sagt: »Roy, du warst gut, es war eine nette Zusammenarbeit. Ach übrigens, ich möchte dir jemanden vorstellen.« Und dieser jemand würde dann einer oder eine von diesen jungen hippen Typen sein, die gerade am Durchstarten sind.

Doch der einstige Late-Night-King wollte nicht in Selbstmitleid und Depressionen vergehen, und als ihm an diesem Spätabend bewusst wurde, dass er auf bestem Wege dahin sei, geriet er in Panik und wollte nicht, dass alles damit endet, dass das Einzige, was noch von ihm in den Medien berichtet wird, seine Alkoholexzesse sind … die er bis jetzt noch geheim halten konnte. Dann schon lieber gar keine Schlagzeilen als solche. So, wie es bei vielen seiner Kollegen der Fall ist, die sich im Show-Geschäft bewegen.

Wenn es nur nach dem Geld ginge, so hätte Roy schon vor Jahren aufhören können, doch die Sucht nach dem Scheinwerferlicht, die Befriedigung des jubelnden Publikums trieben ihn an, auch wenn das alles immer weiter zurückging; ja, es kam ihm sogar vor wie Mitleidsbekundungen. Vorbei war die Zeit, als zusätzlich zur Show große Werbeverträge mit ihm abgeschlossen wurden und er die gigantischsten Medienevents moderierte.

Doch einfach aufhören wollte Roy nicht, denn zu groß war die Liebe zur Bühne. Er musste sich eingestehen, dass es an der Zeit war, eine Entscheidung zu treffen, wenn er nicht die Sucht des Rampenlichts mit der Alkoholsucht tauschen wollte. So wollte er auch nicht darauf warten, bis die Bosse des Senders ihm ein Gnadenbrot zuwerfen und ihn ab und zu auf die Weide stellen, wie ein ausgedientes Spitzenrennpferd. Denn das war er einst: das beste Pferd im Stall der Unterhaltung. Wer auf ihn setzte, gewann. Dann schon eher hinter der Bühne als Produzent; ja, das wäre eine Alternative. Er kannte das gesamte Spektrum eines wahren Unterhaltungskünstlers. Er sang, machte Stand-up-Comedy, spielte Sketsche, war an einigen Filmen als Schauspieler beteiligt, wusste, was und wie man wem die richtigen Fragen stellte.

***

Im nächsten Meeting verkündete Roy, dass es aus seiner Sicht allmählich an der Zeit sei, sein Tätigkeitsfeld zu verändern. Er war der Meinung, dass sein Talkshowformat, ebenso wie er, abgenutzt war. Bei dieser Nachricht atmete der Chef des Senders erleichtert auf. Roy war ihm zuvorgekommen, da zum Ende des Jahres die Show abgesetzt werden sollte. Roy erzählte von seinen Plänen, selber Shows zu produzieren, und er hätte da auch schon einige zeitgemäße Ideen, die er sogleich den Anwesenden vortrug.

Es war die richtige Entscheidung, es selbst in die Hand zu nehmen und nicht zu warten, bis andere für ihn entschieden. So konnte Roy sich allmählich daran gewöhnen, dass seine Zeit vor der Kamera zu Ende ging. Er konnte langsam mit dem Entzug beginnen. Die Showbranche hatte ihn nicht geschlagen. Und es kam, wie es kommen musste: Sein Ruhm verblasste, doch er selber bekam durch seinen neuen Weg wieder Farbe.

Geschrieben 2019

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Kurzgeschichte – Ein Stück vom Glück

Das Leben, ein ständiger Treppenlauf …

Sein Rücken schmerzte. Der Muskelkater in seinen Beinen brannte noch vom Vortag. Auch die folgenden Arbeitsstunden würden mit seinem Körper kein Erbarmen haben. Das T-Shirt, der Hosenbund, sein ganzer Körper waren schweißdurchtränkt, der Stoff klebte dreckverkrustet auf seiner Haut. An Erholung war noch lange nicht zu denken. Wie ein Packesel schleppte er sich mit den randvoll beladenen Bauschutteimern zum Container, wo er mit letzter Kraft die Kübel nacheinander auf die Kante hievte, um ihren Inhalt in den Stahlbehälter zu versenken.

Seit drei Tagen entkernte er bereits die Dachgeschosswohnung eines Mehrfamilienhauses. Eigentlich hatte er nichts gegen harte und anstrengende Arbeit. Es war schließlich sein Job, doch diese Baustelle übertraf alles, was er bisher an Arbeit erlebt hatte. Etwa fünfzig- bis sechzigmal war er bereits die fünf Stockwerke nach unten gegangen und musste sich dementsprechend oft wieder nach oben schleppen. Dazu kamen noch die Abrissarbeiten und das Verfüllen der Eimer.

Man sollte meinen, dass der Weg nach oben mit den leeren und im Vergleich fast schon federleichten Eimern eine Erholung darstellte, doch das Gegenteil war der Fall. Es war schlimmer, gegen die Schwerkraft seinen Körper die Stufen hinaufzubugsieren, deren Anzahl er genauso oft gezählt hatte, wie er sie vergessen hatte. Jeder Tritt war mit einer Kniebeuge beim Sport zu vergleichen, und bei fünftausend Kniebeugen ist man schon im Bereich des Leistungssports angelangt. Dieser Gedanke drängte sich ihm immer wieder auf, und dieser vermeintliche Leistungssport steigerte sich für ihn an jenem Tag, etwa zur Mittagszeit, zum Hochleistungssport. Es war die Zeit, in der der Chef mit der ersten Fuhre Material, das zum Wiederaufbau der Wohnung benötigt wurde, vorbeikommen wollte.

Wie er diese Baustelle verfluchte. Dieser Job war die schlimmste Tortur, die er jemals erlebt hatte, und die sengende Sonne war an diesen Tagen keine Wohltat. Innerlich schimpfte er darüber, dass es an diesem Haus keine Möglichkeit gab, eine Müllrutsche anzubringen, und am zweiten Tag nach der Frühstückspause war er kurz davor gewesen, die Eimer in die Ecke zu feuern und nach Hause zu gehen, wenn auch nur für einen kurzen, verbotenen Moment in Gedanken – denn eine Arbeit einfach hinzuschmeißen konnte er sich in diesem Leben nicht mehr erlauben.
Diesen Job durfte er auf keinen Fall verlieren. Keiner würde ihm je wieder eine Chance geben. Ihm, dem ungelernten Ex-Häftling, der eine dreiköpfige Familie zu ernähren hatte. Seine ganze Berufserfahrung bestand aus der Erledigung von Tätigkeiten auf dem Bau, für die man keine Berufsausbildung benötigte. Sein jetziger Chef war der Einzige, der sich vor einem Jahr bereit erklärt hatte, dem gerade aus der Haft Entlassenen einen Arbeitsplatz zu geben.

Der neue Arbeitgeber war keiner von diesen Ausbeutertypen, für die der junge Mann vor seiner Haft des Öfteren hatte arbeiten müssen, solche, die meinten, sich mit einem ungelernten Bauhelfer alles erlauben zu können. Sicher, sein Chef forderte auch einiges von seinen Angestellten, aber er entlohnte das auch entsprechend. Er selbst hatte auch ganz unten angefangen und wusste, was es heißt, hart zu knüppeln – betonte der Unternehmer immer wieder.

Kurz vor Mittag kam dieser dann zusammen mit einem Gesellen und brachte sowohl Baumaterial als auch belegte Brötchen mit. Obwohl noch nicht, wie geplant, der ganze Bauschutt aus der Wohnung verschwunden war, gab es keinen Ärger für den Bauhelfer. Die drei aßen die Brötchen einträchtig zusammen. Dann schafften sie zu dritt das Material nach oben und nahmen jeder auf dem Weg nach unten etwas von dem Müll mit. So ging alles viel schneller und machte sogar fast ein bisschen Spaß. Es war jemand da, mit dem er ein paar Worte wechseln konnte, was ein wenig von der Schwere der Arbeit ablenkte.

Den Arbeitskollegen konnte der Bauhelfer nicht genau einschätzen. Ist er wirklich nett, oder tat dieser nur so und verachtet mich in Wirklichkeit? Mit solchen Gedanken schaffte der Ex-Sträfling sich ein weiteres Problem, denn ständig hatte er das Gefühl, dass er wegen seiner Vergangenheit von seinen Mitmenschen verurteilt wurde. Doch diese Gedanken wollte er sich zukünftig nicht mehr machen. Er versuchte, zu jedem freundlich zu sein, und bekam meistens auch freundliche Worte zurück. Es gibt nicht viele, die von seinen Vorstrafen wissen, und Knacki steht ihm nun wirklich nicht auf der Stirn geschrieben.

Am späten Nachmittag war dann alles geschafft, und er hoffte sehr, dass er am nächsten Tag nicht gleich zur nächsten Abriss- oder Bauaufräumstelle geschickt würde. Viel lieber würde er dem Gesellen beim Aufbau der Wände helfen. Ab und zu hatte er schon bei solchen Arbeiten mitgemacht – auch in anderen Firmen. Da konnte er zeigen, dass auch er, der Ungelernte ohne Schulabschluss, einiges mehr draufhatte, als Mauern einzureißen und Dreck zu schleppen.

****

Als der Vierundzwanzigjährige den Wohnungsschlüssel ins Schloss steckte und langsam die Tür öffnete, strahlte ihn seine dreijährige Tochter mit ihren großen braunen Augen aus der Küche entgegen. Bei diesem Anblick wusste er, warum er die Eimer nicht in die Ecke gepfeffert hatte. Vergessen war der schmerzende Körper, und als die Kleine mit offenen Armen den Flur entlanglief, hob er sie leicht wie eine Feder vom Boden hoch und drückte sie fest an sich. Dabei überlegte er, wie seine Frau wohl reagieren wird, wenn er ihr erzählt, dass er mit seinem Chef noch ein Gespräch unter vier Augen gehabt hatte.

Der Firmeninhaber hatte ihn, was noch niemand zuvor getan hatte, für seinen Arbeitseinsatz und seine Zuverlässigkeit gelobt. Diese Anerkennung wurde noch mit einem Euro Lohnerhöhung pro Stunde unterstrichen. Auch wenn sich das nach nicht so viel anhörte, würde es am Ende des Monats – nach Abzügen – doch so um die hundertzwanzig Euro ausmachen. Zudem hatte der Unternehmer betont, dass er es nicht bereue, den jungen Mann eingestellt zu haben, und er hoffe, dass der Familienvater ihm auch keine Gelegenheit dazu geben würde.

Da war es wieder, hatte der Vorbestrafte gedacht. So nett die Menschen dir auch entgegentreten, ein letzter Zweifel an deiner Seriosität wird immer bleiben. Einmal Häftling, immer Häftling. Auch wenn ihn das ein bisschen traurig machte, war er umso glücklicher, dass er am nächsten Tag zeigen durfte, diesen einen Euro mehr auch wert zu sein. Er sollte, wie er es sich erhofft hatte, beim Aufbau der Wohnung mitarbeiten, und wenn er sich da bewährte, wollte der Chef ihn öfter bei solchen Arbeiten einsetzen.

Mit sich und der Welt zufrieden schloss er die Wohnungstür und ging mit der Kleinen auf dem Arm in die Küche, aus der es schon appetitanregend duftete. Seine Frau, die er schon aus Jugendtagen kannte und die immer zu ihm gehalten hatte, stand am Herd. Die Zweiundzwanzigjährige hatte ihn, im Gegensatz zu den anderen und vor allem auch im Gegensatz zu ihm selbst, nie als Versager gesehen. Seine über alles geliebte Frau schenkte ihm erst ein Lächeln und dann einen Kuss.

Die Zeit war endgültig zu Ende, wenn auch längst noch nicht vergessen, in der er versucht hatte, seine Familie aus lauter Verzweiflung durch Verbrechen zu ernähren. Einmal eine falsche Entscheidung getroffen – für ein Leben gezeichnet. Doch heute, so hoffte er, begann ein Lebensabschnitt, der ihm erlaubte, dieses Zeichen nicht länger alles bestimmen zu lassen. Auch wenn es nur ein kleines Stück war, hielt er es fest. Das eine Stück vom Glück.

Geschrieben 2019

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