Schlagwort-Archive: Illusion

Kurzgeschichte – Zurück in die Evolution

Es begab sich zu jener Zeit im Raum, als die Gesellschaft in ihrer Evolution soweit vorangeschritten war, dass sie sich ausschließlich auf Arbeit, Konsum und Social Media konzentrierte. Viele Tätigkeiten wurden von Maschinen erledigt, wodurch der Mensch immer mehr Freizeit erhielt. Doch anstatt diese sinnvoll für sich zu nutzen, erfand er immer wieder neue Aufgaben ohne ersichtlichen Wert. Es ging ausschließlich darum, ihn zu beschäftigen. Nebenbei stieg die soziale Ungleichheit von Tag zu Tag. Die Macht des Stärkeren galt noch immer, doch die Mittel hatten sich geändert. Es ging nicht mehr um die alleinige körperliche Stärke, sondern die finanzielle Stärke war entscheidend. Die Menschen rannten auffallend ziellos durch die Welt, begleitet von ihrem Smartphone, welches an ihren Gesichtern klebte. Momente, die der Einzelne mit seiner Familie verbringen konnte, waren außerhalb von Social Media kaum noch vorhanden. An diesem Punkt der gesellschaftlichen Evolution erkannten einige Menschen, dass dieser Zustand nicht weiter tragbar sei. Es musste etwas geschehen, und zwar so schnell wie möglich.

Die Kritiker der herrschenden Umstände schlossen sich zunehmend zusammen und erarbeiteten Lösungen, um diese menschengemachte Lebensweise auf eine lebenswürdige Bahn zu lenken. Es ging darum, ein vollendetes Lebensglück für alle zu garantieren. Es wurde davon gesprochen, dass die Evolution der menschlichen Gesellschaft in eine Revolution gewandelt werden müsste. Es ging um die Idee, eine wirklich freie, einfachere und bequemere Welt, in der die alltäglichen Sorgen und Nöte der Vergangenheit angehörten, zu erschaffen. Die Menschen müssten zurück ins Miteinander gebracht werden. Um dieses Ziel zu erreichen, wurde sich voll und ganz auf die Macht der Gedanken konzentriert, da durch sie alles möglich zu sein schien. Aus dieser Tatsache heraus wurde die Theorie erstellt, dass es nur in einer Welt, die sich komplett aus reinen Gedankenströmen zusammensetzt, möglich sei, eine solche Lebensweise zu erreichen. Die Chancen des Einzelnen, sich frei zu entfalten, um das Leben zu führen, das ihm vorschwebt, seien grenzenlos. Dafür galt es, den Körper zu überwinden, denn, so wurde vermutet, sei er es, der Leid und Elend auf der Welt hervorbrachte.

*** 

Es vergingen einige Sommer, und an einem sonnigen Frühlingstag erlangte der führende Professor auf diesem Gebiet eine Erkenntnis, die seine gesamte Forschung und sein gesamtes Vorgehen verändern sollte. An jenem Tag, als der Professor die absolute Sicherheit darüber erlangt hatte, dass alles tatsächlich so ist, wie er es entdeckt hatte, verspürte er das dringende Bedürfnis, mit seiner Frau über diese Feststellung persönlich zu sprechen. Auch wenn er ein solches Gespräch nun als überflüssig erachtete.

Nachdem der Professor seinen Mantel ausgezogen hatte und ihn an die Garderobe hängte, bewegte er sich auf seine Frau zu, die ihm auf dem Flur entgegentrat. Seine Frau kannte ihn gut genug, um an seinem Gesichtsausdruck und seinem Schweigen zu erkennen, dass etwas Außergewöhnliches geschehen war. Sanft nahm der Professor die Hand seiner Frau und führte sie in den Wintergarten. Dort trennten sich ihre Hände und die Frau setzte sich in einen der Korbsessel. Der Mann hingegen stellte sich vor die Fensterfront und schaute stumm in den Garten, welcher gerade am Erblühen war und aus Altem Neues hervorbrachte. Er beobachtete ein Eichhörnchen, welches über den grünen Rasen hüpfte, und setzte dabei seine Gedanken in eine erzählbare Reihenfolge. Als er meinte, diese gefunden zu haben, drehte er sich um und schaute seiner Frau tief in die Augen. Er begann die ersten Worte zu formen, doch kam sogleich ins Stocken. Er atmete tief durch und erklärte, dass er eine Entdeckung gemacht hatte, auf deren Grundlage die gesamte Menschheitsgeschichte neu geschrieben werden müsste.

Mit angehaltenem Atem lauschte die Frau den detaillierten Ausführungen ihres Mannes. Dieser behauptete mit ernster Miene und leicht zittriger Stimme, dass das Leben, so wie sie es kannten, in Wirklichkeit gar nicht existieren würde. Es gäbe nichts, alles sei nur eine Illusion. Das, woran er und seine Mitarbeiter schon so lange gearbeitet hatten, war bereits vorhanden. Die gesamte Menschheit war Bestandteil einer künstlichen Welt, welche sich als riesiger Cloud-Speicher offenbarte. Diese Tatsache, dass die Gesellschaft bereits in einer Cloud lebte, machte all die Bemühungen zunichte und ihre Idee, dass es in einer körperlosen Welt besser und einfacher zuginge, stellte sich als völlig falsch heraus. Wäre dem so gewesen, hätte die Welt zu diesem Zeitpunkt bereits anders ausgesehen. Nichts schien so, wie es der Traum von einer Welt aus reinen Gedanken versprach. Ein einfaches und bequemes Leben war auf diese Weise anscheinend nicht zu erreichen, denn das genaue Gegenteil war zum Vorschein getreten.

Die Frau senkte den Kopf, schaute an sich herunter, hob die Arme und verfolgte die Bewegungen mit den Augen. Sie stellte die Frage, ob das alles wirklich nicht echt sei, was sie hier sehe. Ihr Mann nickte stumm und sie murmelte, wie es denn sein könne, dass sie, wenn sie keinen realen Körper besitzt, Arthroseschmerzen in den Knien verspüre? All das seien programmierte Empfindungen, erklärte der Professor.

Nachdem die Frau ihren Schock überwunden hatte, merkte sie zuversichtlich an, dass es vielleicht doch eher eine positive als eine negative Erkenntnis sei. Schließlich habe er nur durch seine Forschung diese Feststellung gemacht. Nun müsse er eben nach einem anderen Weg zum vollendeten Glück des Lebens suchen. Vielleicht liege die wirkliche Freiheit in einem organischen biomechanischen Körper? So einen, von dem man angenommen hatte, dass ein Mensch diesen besitzen würde und eigentlich nicht benötigt werde. Es müsse eine Möglichkeit gefunden werden, die Gedanken und Empfindungen aus der Cloud herauszuleiten. Diese müssten in einen Körper aus echtem Fleisch und Blut überführt werden, in einer Umgebung aus echter Materie.

Die Frau hob einen Arm, schaute diesen an, drehte die Hand, senkte den Arm und stand auf. Sie stellte sich zu ihrem Gatten, der bereits wieder nach draußen blickte. Ihre Hand suchte die seinige, spürte die Wärme, welche sie ausstrahlte, spürte die Haut und das darunter liegende Fleisch. Plötzlich, ohne weitere Worte zu wechseln, standen sie wie versteinert da, als seien sie abgestellt worden wie Roboter oder als habe jemand den Pausen-Button eines laufenden Videos geklickt. Was am Ende blieb, war ein schwarzer Bildschirm.

Geschrieben 2019

Diese Geschichte downloaden
Weitere Kurzgeschichten von Noxlupus gibt es hier

Wenn du keine Beiträge von Noxlupus verpassen möchtest, klicke hier und nutze deinen WordPress-Account für das kostenlose Abo im Reader.