
Die Papierbögen mit den eingearbeiteten Sicherheitsmerkmalen gleiten durch die ratternde Produktionsstraße. Die Walzen surren, und in jeder Station entsteht mehr von dem, was außerhalb dieser Mauern den Alltag der Menschen bestimmt. Die Maschinen greifen präzise ineinander. Kein Stillstand, kein Zögern. Am Ende des Druckprozesses schneiden rotierende Klingen die Bögen in das exakte Format. Die frisch gedruckten Banknoten stapeln sich, werden geprüft, gebündelt, verpackt. Versiegelte Kartons werden auf Handwagen verladen und in den gesicherten Tresor geschoben. Schwere Türen schließen sich. Für einen Moment ist alles still. Doch nur vorübergehend. Denn schon bald werden die Kartons erneut bewegt, verladen, abtransportiert. Ein gepanzerter Lieferwagen bringt sie ins Cash-Center, von wo aus sie weiter verteilt werden. Ein Großteil der neuen Scheine gelangt über Geldautomaten hinein in das Netz des Geldkreislaufs. Sie gehen von Hand zu Hand, von Geschichte zu Geschichte.
Der Mann fingerte die Bankkarte aus dem Fach in seinem schwarzen ledernen Portemonnaie, steckte sie in den Schlitz des Automaten, welcher sie sogleich hineinzog. Der gewünschte Geldbetrag wurde über die Tastatur eingegeben. Ein Klicken ertönte und die Karte wurde wieder freigegeben. Tobias zog sie heraus und der Automat spuckte ratternd die Geldscheine aus. Tobias nahm das Bündel und begann zu zählen. Dann stockte er. Unter den abgegriffenen Scheinen befand sich eine glatte, unbenutzte 100-Euro-Note, die zwischen den anderen Scheinen auffallend fremd wirkte. Einen Moment lang blieb sein Blick an ihr hängen. Sehr sauber. Er betastete die Banknote. Sehr glatt. Dann zählte er weiter. Er hatte die verlangten 350 Euro erhalten.
Tobias verstaute das Geld im Portemonnaie und steckte es in die Innentasche seiner Winterjacke. Er verließ den Vorraum der Bank. Hinaus in die Kälte und über die Straße. Es war halb sieben am Abend, draußen war es bereits dunkel und es hatte zur Freude der Kinder schon den ganzen Tag geschneit. Sie jagten lachend über den Gehweg, warfen sich Schneebälle zu und hinterließen verwischte Spuren im frischen Schnee.
Vor dem Gebäude angekommen, klopfte Tobias seine Jacke ab und trat sich den Schnee von den Schuhen. Er öffnete die Tür. Drinnen empfingen ihn leise italienische Klänge, untermalt von einer ruhigen Gesprächskulisse und klapperndem Geschirr. Er zog sich die Jacke aus und hängte sie auf einen Bügel an die Garderobe. Riccardo kam und begrüßte den gern gesehenen Gast mit einem knappen, aber warmen Lächeln und versicherte ihm, dass alles vorbereitet sei. Tobias nahm das Smartphone nebst Portemonnaie aus der Jacke und der Gastwirt führte Tobias zu dem reservierten Tisch, der sich etwas versteckt hinter bepflanzten Raumteilern befand. Dieses separate Eckchen war für zwei Personen gedeckt und die Mitte der Tafel zierte ein Tischgesteck mit einer Kerze. Riccardo zündete sie an, Tobias setzte sich, legte Smartphone und Portemonnaie ab. Es sollte das erste Mal werden, dass Tobias an diesem Ort seine Pizza nicht alleine zu sich nahm.
Riccardo fragte seinen Gast freundlich, ob dieser schon einen Wunsch hätte. Tobias schüttelte den Kopf, er wollte warten, bis seine Begleitung eingetroffen sei. Mit einem Nicken wendete sich der Gastwirt ab. Tobias nahm das Smartphone zur Hand. Entsperrte es. Sah auf die Uhr, dann in Richtung Tür, zurück aufs Display. Es war keine Nachricht eingegangen. Also keine Absage in letzter Minute. Gut. Trotzdem war sein Unterbewusstsein nicht zufriedengestellt. Vielleicht würde sie einfach nicht kommen. Nein, sie würde kommen. Er hatte jetzt schon seit zwei Wochen täglich mit ihr im Partner-Portal geschrieben und er konnte sich nicht vorstellen, dass sie ohne Nachricht ihrem Date fernbleiben würde.
Tobias hatte die Tür fest im Blickfeld, musste sich allerdings etwas verbiegen, um diese komplett zu sehen. Dann passierte es. Sie öffnete sich. Er richtete sich auf, ein kurzes Lächeln huschte über sein Gesicht, um sogleich wieder zu verschwinden. Es waren zwei Männer, die das Lokal betraten. Nicht sie. Tobias schaute auf die Handy-Uhr. Fünf vor sieben. Noch fünf Minuten bis zum offiziellen Termin. Er bemerkte, dass seine Hand leicht zitterte und musste über sich selbst etwas schmunzeln. Ungewöhnlich. Prüfungen hatten ihn kaltgelassen. Bewerbungsgespräche auch – aber das hier?
Erneut ging die Tür auf. Eine Frau trat ein. Das ist sie, sagte er sich … oder nicht? Ein schneller Vergleich mit den Bildern aus dem Profil. Die Frau, die sich gerade den Mantel auszog und suchend den Kopf in alle Richtungen drehte. Schließlich hatte sie gefunden, wonach sie Ausschau hielt. Sie lächelte, hob die Hand und ging ans entgegengesetzte Ende des Restaurants.
Tobias zog das Smartphone näher, prüfte Mails, Datum, Uhrzeit. Alles stimmte. Er öffnete noch einmal ihr Profil. Er erwiderte das vertraute Lächeln auf dem Display und bemerkte nicht, dass plötzlich jemand an den Tisch im Separee gekommen war. Ein »Hallo Tobias« ließ ihn zusammenfahren. Leicht erschrocken schaute er vom Smartphone auf, sah sie an, schaute zurück zum Handy. Dasselbe Gesicht. Nur näher. Echter. Er stand hastig auf, schaltete das Handy aus und legte es beiseite.
Einen Moment lang sagten sie nichts. Sahen sich an. Dann ein unsicheres Lächeln, eine vorsichtige Umarmung. Er zog ihr den Stuhl zurecht. Sie setzten sich. Ein paar Worte, vorsichtig noch, tastend. Ein Wortwechsel darüber, wie schön es sei, sich nun einmal real zu sehen. Dann kam auch schon Riccardo, brachte für beide die Speisekarten und machte der Frau Komplimente. Sie bestellten als Vorspeise jeder eine Tomatensuppe und zum Hauptgang gab es Pizza und einen kleinen Salat. Dazu wurde eine Flasche Wein serviert.
Während des Essens fand ihr Gespräch schnell seinen Rhythmus. Leicht. Fließend. Als würden sie sich schon ewig kennen. Worte griffen ineinander, Pausen fühlten sich nicht leer an. Zwei Stunden später standen sie auf. Ein Spaziergang in der sternenklaren Winternacht sollte folgen. Es schneite nicht mehr. Doch bevor sie aufbrachen, ging Tobias zu Riccardo an den Tresen, bedankte sich und bezahlte die Rechnung. Er hatte seine Datepartnerin eingeladen, auch wenn sie es zuerst abgelehnt hatte. Doch dann fanden sie eine Einigung, dass sie die zweite Verabredung finanziell übernehmen würde. Riccardo überreichte Tobias die Rechnung und dieser zog den makellosen Hunderter hervor, hielt einen Moment inne. Sah auf den Schein. Er fühlte sich noch immer unberührt an. Dann legte er ihn auf den Tresen und wünschte sich, dass an diesem Abend etwas Neues in sein Leben getreten sei, das länger bei ihm bleiben würde als dieser frische 100-Euro-Schein.
Geschrieben 2019
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