Kurzgeschichte – Zwiespalt der Seele

Wie ein Kometenschweif zog die Kugel den roten Lebenssaft hinter sich her, als sie aus dem Rücken des Mannes austrat. Das Projektil hatte das Herz genau getroffen und das Blut spritzte gegen die weiße Hauswand, wo das Geschoss tief in das Mauerwerk eindrang. Vincent hatte seinen Auftrag erneut mit der Akribie eines Chirurgen und der Kaltblütigkeit einer Maschine ausgeführt. Mit der Ruhe und Gelassenheit eines Faultiers schraubte er den Schalldämpfer vom Pistolenlauf und verstaute beides in der Manteltasche. Anschließend ging er zum Kofferraum des Autos und holte einen schwarzen Plastiksack heraus.

***

Die Scheinwerfer fraßen sich durch die Dunkelheit des Waldes. Vincent hatte nicht mehr weit zu fahren, dann würde er an dem ausgedienten, halb zerfallenen Krematorium, das zu einem nicht mehr benutzten Waldfriedhof gehörte, ankommen. Bei seiner Recherche zur Leichenbeseitigung war er auf die Verbrennungseinrichtung gestoßen. So einfach war es noch nie für ihn gewesen, die Überreste seiner Arbeit zu beseitigen. Das Feuer im Ofen schüren, die Leiche und das todbringende Werkzeug hineinwerfen. Dann abwarten, bis sich so ziemlich alles zersetzt hat und abhauen.

Niemals benutzte er eine Waffe zwei Mal, ebenso verhielt es sich mit dem Auto, wenn er eines benötigte. Dies war nicht immer der Fall, denn es gab auch Aufträge, bei denen er ohne Fahrzeug auskam. So zum Beispiel in einer Wohnung, wenn die Leiche an Ort und Stelle verbleiben sollte. Doch der aktuelle Job verlangte, dass der Getötete zu verschwinden hatte. Warum, das interessierte Vincent nicht. Ihn interessierten lediglich die fünfundzwanzigtausend Euro mehr, die er für diese Zusatzleistung forderte.

Vincent arbeitete überall auf der Welt, solange der Einsatzort mindestens zweihundertfünfzig Kilometer von seinem Wohnort entfernt lag. Dabei erstellte er für jeden Auftrag einen Ablaufplan, der aus drei Punkten bestand: Vor der Ausführung, während der Ausführung, nach der Ausführung. Zu jedem dieser Punkte stellte er sich die Fragen: wo, wann und wie. Erst wenn er diese Fragen zu seiner Zufriedenheit beantwortet hatte beziehungsweise ausreichend recherchiert hatte, schritt er zur Tat. Niemals ließ er sich von seinem Auftraggeber unter Druck setzen – Vincent war derjenige, der bestimmte, wo, wann und wie der Auftrag durchgeführt wird.

Falls er, wie bei seinem letzten Job, einen Wagen benötigte, besorgte er sich unter falschem Namen ein schrottreifes Auto bei einem x-beliebigen Straßenhändler. Nach Beendigung des Auftrags verkaufte er das Fahrzeug an einen ebensolchen Schrotthändler, der zudem nicht viele Fragen stellte. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln fuhr Vincent dann davon, zumeist mit einem Zug. Sobald sich darin eine Gelegenheit bot, etwa in einer Toilettenkabine, in der er ungestört den falschen Bart entfernen konnte und sich der Perücke entledigte, nutzte er diese. In dieser Situation gehörte es zu seinem Ritual, dass er dort in den Spiegel schaute, aus dem ihm sein junges Gesicht mit den kurzen blonden Haaren entgegenschien. Er senkte den Kopf. Sein Kinn berührte fast die Brust. Die Augen schlossen sich langsam. Ein tiefer Atemzug füllte seine Lungen, hielt sich einen Herzschlag lang und entwich lautlos wieder. Vor seinem inneren Blick erschien die Summe – hundertfünfundzwanzigtausend Euro.

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Der alte Mann zog sich mühsam den Bademantel über den Schlafanzug. Seit geraumer Zeit hatte er nichts anderes mehr getragen. Der Krebs würde nicht mehr lange brauchen, bis er ihn ganz zerfressen hatte. Mit hängendem Kopf und nach vorne gefallenen Schultern schlurfte Jensen den Gang entlang, bis er am Aufenthaltsraum angekommen war. Eine junge Schwester trat gerade aus der Tür und hielt diese weit für ihn auf. Dabei wünschte sie ihm einen guten Morgen und erzählte, dass er bereits erwartet wurde. Jensen freute sich, hob den Kopf und spähte durch den Raum. Als er den großen, blonden Mann hinten am Tisch sitzen sah, huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Er richtete sich auf und schritt auf seinen Gast zu. Der Wartende erhob sich, streckte Jensen eine Hand entgegen und erkundigte sich nach dessen Befinden. Dieser erwiderte freundlich, dass es ihm so wie gestern ginge und sehr wahrscheinlich so wie morgen. Die Männer machten es sich auf den Stühlen bequem und Jensen griff nach dem Stapel Karten, der auf dem Tisch bereitlag. Er mischte sie ordentlich durch und anschließend begannen die Männer ihre Kartenpartie.

Jensens Partner war ein gern gesehener Gast im Sanatorium. Er kam zwei- bis dreimal die Woche und verbrachte ein paar Stunden mit den Patienten, die keinen Besuch erhielten. Der blonde Mann richtete sich dabei immer nach den Wünschen der todkranken Patienten. Er las denen, die sich nicht mehr rühren konnten, vor, mit den anderen ging er spazieren oder spielte mit ihnen Karten, Mühle, Schach oder worauf sie sonst Lust hatten. In vielen Fällen ging es auch nur darum, den Patienten, die einfach nur reden wollten, zuzuhören.

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Der große Mann mit der schwarzen Ledermaske trat an das Stativ. Seine Finger fanden den Schalter der Kamera. Ein leises Klicken. Die Hand ging zum Kopf, die Maske wurde heruntergezogen. Die blonden Haare klebten verschwitzt an seiner Stirn. Die Arbeit war beendet. Nicht einmal die Schreie und die um Gnade winselnden Worte, die sein Opfer ausstieß, hatten ihn davon abbringen können, seinen Auftrag durchzuführen. Und auf die Frage, wieso er ihm das antat, bekam der Todgeweihte von Vincent nur die Antwort: »Ich werde dafür bezahlt«.

Nachdem Vincent die Folter beendet hatte, hatte er den erlösenden Kopfschuss abgefeuert. So lautete sein Auftrag. Der Mann sollte leiden, bevor er starb, und diese Leiden sollten für den Auftraggeber auf Video festgehalten werden. Warum, das war Vincent egal. Er stellte nie die Frage nach dem Warum. Ihn interessierte lediglich: Welches Risiko besteht für mich? Es gab nicht viel, was er nicht tun würde, solange die Bezahlung stimmte.

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Gertruds Gesicht strahlte vor Freude und ihre Augen leuchteten, als sie ihrem Gesprächspartner die Ergebnisse ihrer letzten Untersuchung mitteilte. Gertrud war fünfundfünfzig und hatte ihre Krankheit fürs Erste besiegt. In ein paar Tagen würde sie das Sanatorium verlassen können. Doch zuvor wollte sie noch einmal mit dem blonden Mann die Vögel am See beobachten. Dies hatten sie im letzten Jahr, ihrem schwersten Jahr überhaupt, sehr häufig getan. Bei Wind und Wetter waren sie losgezogen, sofern ihr Gesundheitszustand es erlaubte.

Gertrud genoss die warmen Herbstsonnenstrahlen, die sich zur Erde kämpften, auf ihrem Gesicht. Sie hakte sich bei ihrem Begleiter ein und beide marschierten los. Vincent hörte Gertrud aufmerksam zu, wie sie Zukunftspläne schmiedete und dachte nicht eine Sekunde daran, dass er bereits am nächsten Tag einen Menschen töten würde, einen Menschen, den er nicht einmal kannte. Der Name, der auf seinem Auftragszettel stand, war der einer Frau.

Er war kälter als der Tod, doch kämpften sich vereinzelt warme Herbstsonnenstrahlen aus seinem Zwiespalt der Seele nach außen.

Geschrieben 2019

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